Unstimmigkeiten In Menzheim
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Kurzbeschreibung
Unstimmigkeiten in Menzheim I
9.1 – Der Auftrag
23.Rahja 1014 BF
Nachdem sich das Fässchen Brand dem Ende entgegen neigt, erklärt der Herzog den Helden - wie immer etwas umständlich - sie sollen doch nach Menzheim reisen, um dort ebenfalls nach verschwundenen Bürgern zu schauen. Nebenbei könnten sie noch dem Baron dort eine Depesche überbringen, was sie zu offiziellen Gesandten macht. Nur im Notfall sollten sie den golden Bärenring zeigen - und so wenig Aufregung wie möglich erregen. Nachdem er die Aufgabe erklärt hat, verlässt er den Raum, um dorthin zu gehen, wo selbst der Kaiser alleine sein möchte. Irion, Linje, Baldorim und Argosch können sich also ungestört über die Geschehnisse unterhalten, die ihnen der Herzog vermittelt hat - wenngleich dieses Vermitteln wie immer eher ein “aus der Nase ziehen” war. Irion ergänzt, was er in dem Brief hat lesen können, als der Herzog abgelenkt war: Im Groben geht es darum, dass ein gewisser Baeromar Falk von Geltring-Weiden noch weitere Truppenverstärkungen für die Silberfalken gegen die Orks im Westen anfragt. Linje weiss, dass die Silberfalken eine zum Schutz der Grenzen ausgehobene Einheit vornehmlich adligen Ursprungs sind. Im Brief steht, dass die Silberfalken durch Truppen aus Darpatien, Greifenfurt und den Nordmarken verstärkt werden müssen. Aus Weiden wird um zusätzliches Gold gebeten. Die – forsche – Anforderung wird über die jüngsten Vorkommnisse begründet – und auch Regionalhäuser – Binsböckel und Menzheimer, die nicht besonders gut zum Herzoghaus stehen, unterstützen die Anforderung. Die größte Frechheit ist jedoch, dass selbst der Herzog der Nordmarken Jast Gorsam vom großen Fluss seinen “guten Freund” Waldemar eindringlich um Unterstützung der Truppe bittet, andernfalls würde eine Nachricht zum Kaiser gesandt.
Noch als der Herzog mit seiner Sitzung beschäftigt ist, verlässt Irion die Stube, um mit der Herzogin Yolana über den Auftrag zu sprechen, den ihr Mann, der Herzog, erteilt hat. Es scheint die richtige Wahl gewesen zu sein, denn Irion bekommt aufgrund seines Charmes im Gespräch mit der Herzogin heraus, dass in Menzheim die Dinge nicht so einfach sind. Natürlich nicht. Sie erzählt Irion von zwei weiteren Familien, die in Blutfehde zueinander stehen: die Ganjanefs und die Boswitzs. Beide Familien beklagen das Verschwinden jeweils eines ihrer Kinder. Die Überlegung, dass diese in Liebe zueinander entbrannt und verschwunden seien, findet die Herzogin zwar romantisch, aber so recht glauben kann sie es nicht. Man sei schließlich nicht in einer bosparanischen Liebestragödie, sondern im Weidenschen. Noch einen weiteren Hinweis hat die Herzogin: In Menzheim sollen sie sich an die Tochter des Baron Menzheim-Eberstamm mit dem Namen Ugraine, halten, denn diese war mit Ihrer Tochter Walpurga gut befreundet. Wie diese sei auch Ugraine eine hervorragende und ehrbare Kriegerin. Irion bedankt sich förmlich. Dann kommt das Gespräch auf die Schauspielkunst und die Herzogin überreicht ihm ein Buch mit den Klassikern der Arivoer Theaterstücken. Es möge ihm Inspiration für die Erschaffung neuer Stücke sein. Dankbar verlässt Irion die Nähstube und kehrt zu den Gefährten zurück – gerade rechtzeitig, als Argosch dem Herzog zum Dank einen Eberfänger überreicht, welches er aus der von den Elfen geborgenen Enduriumlegierung in den Schmieden Weidens neben weiteren Waffen für die Gefährten geschmiedet hat. Der Herzog ist sichtlich erfreut, fragt nach, wie man den Stahl so schwarz bekommen hat? Argosch will keine Diskussion über den Schwarzstahl aufkommen lassen, da er als Schmied gehört hat, dass Endurium als Tribut abzugeben sei, also greift er zu einer Notlüge und antwortet „ zwergisches Schmiedegeheimnis“.
Er denkt an die Wochen und Monate, die er verbracht hat, um aus dem Schwarzstahl der Rüstung des Nachtalben neue Waffen zu schmieden. Irion bekommt einen Kettenstab sowie zwei Wurfsterne, Baldorim einen Lindwurmschläger und 21 Bolzen sowie 4 Bolzen größerer Bauart. Argosch schmiedet sich die Lindwurmschläger „Ogertot und Orkenschreck“ und Linje bekommt 20 besondere Pfeilspitzen. Es wurde allerdings eine Gemeinschaftsarbeit, denn Baldorim hat – nachdem die Waffen abgekühlt waren – diese noch außergewöhnlich verziert und mit Runen versehen.
Waldemar fährt mit seiner Erzählung fort. Er beichtet, dass es seitens der Garether Politik Bestrebungen gibt, “das Reich neu zu ordnen”, wenn der Landesherrscher das Land nicht im Griff hätte. Ein Kandidat wäre Avon von Nordfalk, Burggraf von Baliho, Streiter des Reiches. Ein ehrbarer, todesmutiger Geselle untadeligstem Rufs. Nichts gegen den Mann, aber dieser soll sich besser nicht vor einem Wagen spannen lassen, der ihm zu schwer ist. Es gab in Weiden bereits in der Vergangenheit die Notwendigkeit sich gegen Einflüssen von außen zu wehren. Waldemar klingt zu diesem Zeitpunkt zum ersten mal so gefährlich wie ein brummender Bär.
Argosch erbittet beim Herzog für Baldorim und sich selbst den gleichen Sold, den auch Linje und Irion bekommen. Dies sind 10 Dukaten pro Monat und eine Prämie nach Erledigung der Aufträge. Nachdem nun alles besprochen ist, begeben sich die vier in ihre Gemächer, da sie am nächsten Morgen aufbrechen wollen, um vor den Namenlosen Tagen in Menzheim zu sein.
9.2 – Nach Anderath
24. Rahja 1014 BF
Die Gruppe belädt Baldorims Kutsche und bricht gerade auf, als plötzlich zehn Ritter in voller Gestechrüstung mit dem Symbol des silbernen Falken in den Hof presschen. Der Vorderste brüllt ein abwertendes: „AUS DEM WEG!“ und drängt sich an der Gruppe vorbei. Woher sie erfahren, dass der Anführer wohl Baron Baeromer gewesen ist, ist in Vergessenheit geraten – aber der verwegene Mann hat durch sein stürmisches Auftreten nicht nur gute Gefühle bei den Gefährten erzeugt. Ein Adeliger, der sich dem Unterschied zwischen “von den Göttern zur Herrschaft erkorenen Adeligen” und “dem einfachen Volk” sehr bewusst ist.
Die Gruppe beginnt ihre Reise – und Anfang Rahja brennt die Sonne stark in Weiden.
”Im Winter saukalt und im Sommer zu heiß„, brummt Baldorim. Als die Gruppe in Braunsfurth rastet, hören sie von einem Barden, dass im nostrisch/thorwalschen Salza die Toten aus den Wassern gestiegen seien, woraufhin die Thorwaler – welche Salza besetzt hielten – allesamt geflohen seien und die Stadt nun wieder frei sei. Ebenso berichtet der Barde von einem Mann namens “Der Rote Gorm”, welcher einen Aufstand der Wanderarbeiter im Horasreich – genauer Chababien – anführt und von Süd nach Nord zieht, sowie von einer Hungersnot und dem Ausbruch der roten Keuche im Kabasch. Man zweifelt nicht, dass die Obrigkeit diesen Bauernaufstand blutig beenden wird. Damit nicht genug: Auf dem Thuransee haben einige Rondrikanböen die Segel der Fischerboote zerfetzt, all diese Vorkommen waren im Hesinde. Die Rondraböe und die Geistererscheinung lässt die Gruppe sich vielsagend anschauen … dies war zum Zeitpunkt, als Borbarad beinahe wieder erschaffen wurde – nicht einmal, sondern dreimal. Den Göttern sei Dank konnte er sich keinen Körper beschaffen. Jetzt muss nur noch das Rätsel der verschwundenen Menschen gelöst werden und Weiden kann sich um die wahren Probleme politischer Natur kümmern. Es gilt und galt ja einen von Außen gesteuerten Bürgerkrieg zu verhindern.
25.Rahja 1014 BF
Am zweiten Tag erreicht der Trupp Anderath, die Heimatstadt von Linje und Irion.
Linje möchte gerne Ihre Eltern besuchen und fragt die Zwerge und Irion ob sie mitkommen. „Dort könnten wir ja auch übernachten“, fügt sie an, Baldorim und Argosch stimmen – auch aufgrund ihrer zwerggeborenen “Sparsamkeit” – zu. Nur Irion hält sich zurück und bleibt im Wagen. Es ist nicht ganz klar, was der junge Mann hat, allerdings spricht er davon, dass er mit seiner Heimatstadt abgeschlossen habe, als er sie damals verlassen hat.
Dort angekommen erfahren die Drei, dass der lange Ulf – ein alter Verehrer Linjes – vor drei Wochen spurlos verschwunden ist. Nachdem er in der Grotte, welche nach der Aussage von Linjes Mutter dem Hirschgott, also Firun geweiht ist, übernachtet hat.
„Eine Mutprobe unter den jungen Leuten in Anderath“, sagt Linje.
Ihr Vater Yann erzählt, dass Ulf vor dem Fenster einer Frau, Lara, aufgetaucht sei.
“Vor ein paar Tagen erst”, brummt er und ergänzt etwas lauter: „Aber die Lara trinkt ja immer so viel.”
Die Gruppe will der Sache nachgehen und beschließt, noch am selben Tag zu einer verlassenen Hütte im Wald zu gehen, in der die Jugendlichen ihre romantischen Schäferstündchen begehen…
Sie erreichen die Hütte nach einer Meile Kutschfahrt und einer weiteren Meile Fußmarsch abends, als es schon dunkler wird. Ein Sommergewitter nähert sich, und obwohl bereits der Vollmond fast erreicht ist, ist das Sichtfeld weiter eingeschränkt. Linje zaubert Katzenaugen auf sich und Irion, die Zwerge können qua natur ohnehin im Dunklen sehen.
Als sie dort eintreffen, sehen Linje und Irion die Hütte stark verändert: Die Wände wurden mit Lehm abgedichtet, aber das kann noch nicht lange her sein, denn man sieht noch Kratzspuren von Händen in den Lehmgruben neben der Hütte.
„VERSCHWINDET!“ Eine zitternde Stimme schreit aus der Hütte: „Ihr dürft nicht hier sein …“
„Ulf“, sagt Linje irritiert. „Bist du das?“
„Linje, noch einmal: VERSCHWINDET!“, ruft er erneut, als es beginnt zu regnen. Das Gewitter rollt viel schneller heran, als sie gedacht hatten. „Ein Drache soll kommen, um mich zu füttern! Er ist auf dem Weg!“
“Wie lautet sein Name?”
“Avalon!”
Die Gefährten schauen sich an und alle rufen gleichzeitig: „Avalon?“
„Was ist passiert?“, will Irion von Ulf wissen.
Und er berichtet: „Eine schwarzhaarige Schönheit hat mich zu einer romantischen Nacht eingeladen, und wer bin ich denn?” Mit einem trockenen Lachen fügt er hinzu: “Linje, du kennst mich … Sie trug die Insignien der Rondra!”
“Wie lautet ihr Name?”
“Ach, der Name ist doch falsch! Genau wie alles andere auch …”
“Trotzdem Ulf, ein falscher Name ist besser als keinen Anhaltspunkt zu haben …”, versucht Linje zu insistieren, aber er fällt ihr ins Wort: “Alrikia, in Ordnung? Ihr verdammter Name war Alrikia – und sie biss mich.”
Sie teilte ihm noch mit, dass er sich vom Licht des Praios fernhalten soll, da er sonst verbrennen würde. Verbrennen hält vor allem Irion für eine sehr gute Idee: er schlägt vor, die Hütte nun – wo der noch schwächliche Vampir Ulf darin liegt und sich nicht wehren kann – anzuzünden. Linje, die nach einer anderen Lösung sucht, spricht sich erst dagegen aus und zieht sich mit der Bemerkung, dass sie niemanden bei lebendigem Leibe verbrennen oder dabei helfen wird, aus der Diskussion. So richtig einig sind sich die drei Verbliebenen jedoch auch nicht, denn während der Diskussion rauscht das Gewitter in die Szenerie. Hagel setzt ein und das unverwechselbare „Flapp Flapp“ großer Schwingen klingt durch den Donnerhall.
Avalon ist da. Die kleine Gruppe versteckt sich. Linje erkennt, dass Avalons magische Kraft viel mächtiger ist als vor sechs Monaten und er trägt einen Sack mit sich, der quiekende Geräusche von sich gibt.
„Willst du essen?“, fragt er Ulf.
“Wir sind nicht alleine“, gibt dieser jedoch zurück. Nach einem Moment des Erschreckens entschließt sich erst Linje dazu, aus dem Gebüsch zu treten – dicht gefolgt von Irion und Argosch. Nur Baldorim bleibt zurück und bereitet seine Ballestra vor.
“Avalon!” Der riesige Kopf des Drachens schwenkt herum und schaut auf die im Vergleich kleinen Figuren vor ihm.
“Ah, die, die vorgaben, mein Vater und meine Mutter zu sein.” Seine Stimme klingt bedrohlich im Geist der vier Helden.
“Du meinst Linje, die dir half, dich beim Sturzflug nicht zu sehr zu verletzen. Irion, der dich lenkte und formte. Und Argosch, der dein Leben rettete.”
“Und Baldorim, der im Gebüsch hockt”, fügt der Drache an. Sein pechschwarzes Auge richtet sich auf den Zwerg. Baldorim winkt kurz, nickt dem Drachen zu und bereitet weiter seine Balestra vor.
Nach kurzem Gespräch schlägt Avalon der Gruppe vor, diese seiner Herrin vorzustellen. Er macht klar, dass die Eisprinzessin/Eisdrache nicht seine Mutter ist, sondern viel mehr sei: seine Göttin.
“Sie wäre sicherlich froh darüber, euch zu treffen“, meint er.
Eine kurze Diskussion entbrennt - dann kommt die Gruppe zum Schluss, doch das Angebot nicht anzunehmen. Man erinnert sich, wie stark bereits das Bild der Elfe auf die Menschen gewirkt hat – wie wäre es erst, sie von Angesicht zu Angesicht zu erleben.
Die Gruppe wird Zeuge von der Fütterung: Avalon wirft zwei lebende Goblins in die Hütte und das Quieken hört auf. Goblins selbst sind oft ein Ärgernis: es sind Räuber, Mörder auch, mittelbar, wenn sie die letzten Nahrungsmittel stehlen und manchmal auch unmittelbar, wenn sie Großlinge in einen Hinterhalt locken und töten. Da Goblins aufgrund ihrer vielen Nachkommen an Futterknappheit leiden, findet man die Leichen selten. Jetzt werden sie diesmal also selbst zu Futter – und das Mitleid in der Gruppe hält sich in Grenzen. Nach getaner Fütterung fliegt der Drache davon. Als sich die Hälfte der Gruppe schon zum Gehen wendet, endet die Zeit der einhelligen Gnadenlosigkeit, als Baldorim, Argosch und Irion darüber nachdenken, wie man am geschicktesten Ulf zu Boron schicken könnte. Es wird noch einmal der Vorschlag unterbreitet, nun die Hütte anzuzünden.
“Ich werde ganz sicher nicht in die Nähe einer Hütte gehen, in der ein nun starker und gesättigter Vampir ist …”, sagt Linje kopfschüttelnd. “Tut, was ihr für nötig haltet, aber meine Meinung hat sich nicht geändert.” Sie wendet sich ab und sucht den Weg durch den Wald, zurück zu Golbronn und der Kutsche – in einer Selbstsicherheit, die nur Wesen zuteil ist, die sich in ihrer vertrauten Umgebung bewegen. Irion, Argosch und Baldorim kommen zu dem Schluss, dass sie die Hütte wohl hätten anzünden sollen, als es noch nicht in Strömen gegossen hat – mittlerweile sind die Helden alle durchnässt bis auf die Knochen – als ein Schrei Linjes ihre neuesten Überlegungen unterbricht.
„Linje!“, ruft Irion und rennt los. Die Zwerge stürmen hinterher, haben aber den Nachteil der etwas kürzeren Beine, so dass Irion schneller bei ihr ist.
9.3 – Stirb, Ulf, stirb
In die eigenen Gedanken versunken steigt die Hexe über Ast und Stein, als eine Stimme sie aufhält. Vor ihr steht unvermittelt Ulf, vom Blut der Goblins sichtlich gestärkt, und will sie zu seiner Gefährtin für die Ewigkeit machen. Es zeigt sich, dass er sie schon immer wollte – aber sie ihn nicht erwählt hatte. Jetzt meint er als Unsterblicher, dass er ihr etwas anbieten kann, das ihr gefällt: nämlich die Unsterblichkeit selbst. Sie schüttelt den Kopf, doch der Vampir jagt in einer fast götterlästerlichen Geschwindigkeit auf sie zu. Linje schreit laut, ihre Fingernägel werden zu den Krallen einer Eule und instinktiv faucht sie das Raubtier vor sich an – Ulf, überrascht von so viel Widerstand – zuckt zurück und so gewinnt Linje wertvolle Sekunden, bevor der Vampir sie erneut attackiert und festhält, um sie zu beißen.
Irion stürmt heran. Die Panik um die Gefährtin setzt unmenschliche Kräfte frei und er zieht den Vampir von Linje weg. Ulf der Vampir wendet sich nun Irion zu. Jetzt aber sind die Zwerge da, Baldorim schießt und trifft Ulf ins Bein. Die Wucht reißt dem Vampir das Bein ab, aber zum Grauen aller – und zum Erstaunen des Vampirs – wächst dieses sofort wieder nach. Linje, vom Griff des Unheiligen befreit, greift einen der Pfähle an ihrem Gürtel und wirft ihn auf den Vampir. Als sie sehen, dass er durch das Holzstück verletzt wird, brüllt Baldorim: “Welches Holz?” “Weißdorn!”
Argosch, der zum ersten Mal von Vampiren auf der Fahrt gehört hat, nimmt seinen Knüppel aus Weißdorn und schlägt auf den Gegner ein. Das Holz zeigt seine Wirkung – diesen Schlag steckt der Vampir nicht so einfach weg. Baldorim sucht eine andere Art von Bolzen, er kann zwischen Steineiche und Weißdorn wählen. Der Metallbolzen hat nicht gewirkt. Er wählt
und schießt. Er trifft den Vampir in die Brust, dieser bäumt sich auf und fällt zu Boden. Tot. Linje schließt Ihm die Augen und schlägt das Boronsrad, bevor der Vampir zu Staub zerfällt. Obwohl sein Leben nicht lange wirkte, hat er dennoch über die Kräfte seines Körpers gelebt.
Geschockt und still kehren sie alle nach Anderath zurück. Linje bricht zusammen und erzählt unter Tränen alles ihren Eltern, entgegen den Befehlen des Herzogs berichtet sie weitestgehend alles, was ihre Eltern gefährden könnte und schwört sie darauf ein, die überbrachten Gesetze einzuhalten. Niemand einfach ins Haus lassen, Knoblauch, einen Weißdornkranz im Haus, Praiosfürchtige Kerzen und so weiter. Dann verbringen sie noch die Nacht, bevor sie am nächsten Tag aufbrechen.
Unstimmigkeiten in Menzheim II
10.1 – Baliho, 26. Rahja 1014 B.F.
Es ist soweit. Die Gefährten brechen nach Ihrer Verabschiedung von Linjes Eltern in Anderath auf, um nach ihrer nächsten Etappe Baliho zu erreichen. Die Stadt ist ein raues Pflaster, beherrscht von sogenannten Rinderbaronen, die ihren Wohlstand – wie soll es anders sein – durch die Zucht von Rindviechern bekommen haben. Es ist heiß in diesem Rahja, kurz vor den Namenlosen Tagen, und die Gruppe ist froh, zumindest kurz im Schatten der Stadtmauer verweilen zu können – die misstrauischen Blicke von weiter oben sind sie alle mittlerweile gewöhnt. Schließlich sind sie auch eine auffällige, seltsame Truppe.
Kaum angekommen im Schatten der Wehrtürme wird die Gruppe von den Stadtbütteln gestoppt. Der übliche Zoll wird verlangt, aber Linje und Irion zeigen ihre vom Herzog ausgeteilten Ringe, welche sie als Botschafter auszeichnen, vor und so kommen sie um die Zahlung herum. Während die Hexe und der Gaukler dem Gardisten noch erklären, dass sie dringend eine Depesche nach Menzheim bringen müssen, beobachten sie, wie ein weiterer Karren – voll beladen mit Heu – angehalten wird der gerade die Stadt verlässt. Die Gardisten reden kurz mit dem sonnengebräunten Mann auf dem Kutschbock, der lässig auf einem Halm rumkaut und ihre Blicke auffängt. Parallel umstellen eine Handvoll Uniformierter den Karren und stechen von allen Seiten mit Speeren und Schwertern in die trockene Fracht.
„Entschuldigt bitte, wenn meine Frage zu neugierig ist, aber wird etwas gesucht?“ fragt Linje den Gardisten, der noch bei Baldorims Wagen steht. Er nickt.
„Ein Dieb, werte Dame.” Er nickt noch einmal, als ob er sich selbst bestätigen wollte.
“Und was, wenn ich fragen darf, wurde gestohlen?”
“Oh, ein Buch! In die gräfliche Bibliothek der klugen Undra wurde eingebrochen!”
“Was ist denn an einem Buch so besonderes?”, fragt Irion mit hochgezogener Augenbraue.
“Und wie heißt es?” Der Gardist schaut ein wenig verwirrt.
“Wenn Ihr es seht, werdet Ihr es erkennen. Es sind Zauberzeichen darin. Wenn man es lesen möchte, beginnen die Buchstaben zu tanzen und man bekommt Kopfschmerzen davon.“
Unterdessen ist die Durchsuchung des Karren abgeschlossen und der brummige Kutscher spuckt seinen Kautabak so nah an Baldorims Heiligtum, dass man förmlich hören kann, wie sein Blut zu kochen beginnt.
„Hey, was soll der Mist?“, fährt Argosch den Fremden an. Baldorim stellt sich bedrohlich und quadratisch in die Tür seiner Kutsche und blitzt zu dem Anderen herüber. Bevor das folgende Wortgefecht jedoch eskalieren kann, stellt sich der Fahrer der Kutsche nicht nur als ansässiger Rinderbaron vor, sondern lässt die Wut der beiden Zwerge auch einfach an sich abprallen. Sein Gefährt verschwindet in der Stadt, während der Gardist noch sagt: “Solltet Ihr irgendwo einen Dieb mit einem großen Buch sehen, dann meldet ihn! Unverzüglich.” Als er aber auf die Frage, wie der Dieb aussähe, keine Antwort geben kann, lenkt auch Golbronn die Kutsche nach Baliho hinein.
Sie fahren durch die Straßen, vorbei an der 1000jährigen Eiche, welche offenkundig auch als Galgenbaum genutzt wird: In luftiger Höhe baumeln drei Körper reglos an Seilen.
Die Gruppe fährt an Spelunken vorbei, aus denen sich prügelnde Körper fliegen und wieder hineingeben – nein. Dies ist wahrlich kein ruhiger Ort, denkt sich die Gruppe.
„Klong“
„War da was?”, fragt Baldorim im Wagen.
„Ich höre nichts“, antwortet ihm Argosch. Der Rauch der Zwergenpfeifen hängt tief im Innern der Kutsche und scheint fliehen zu wollen, als Baldorim groscho Uldogrimm die Tür aufstößt.
Überzeugt davon, etwas gehört zu haben, schaut er mit vorgehaltener Balestrina während der Fahrt unter den Wagen. Und tatsächlich: ein hagerer, heruntergekommener und zerlumpt aussehender Mensch krallt sich unter dem Wagen fest.
„Wie macht er das nur?“, brummt Baldorim in seinen Bart. Der Alte hat ein riesiges, nahezu gigantisches Buch unter seinen Arm geklemmt. Als er versucht, seinen Finger auf die Lippen zu legen, beginnt das Buch langsam zu rutschen. Hastig greift er danach und blickt den Ambosszwerg flehentlich an. Dieser hebt die Stimme etwas an: „Nun, Herr, was zahlt ihr dafür, dass ich NICHT nach den Wachen rufe?“
Eindringlich starrt der Fremde ihn an. Kurz scheint es Baldorim, als würde die Umgebung etwas dunkler, als der blinde Passagier entgegnet: „Ich rette eure Welt, ehrwürdiger Angroschim.”
Er bittet den Zwerg noch, den Wagen anzuhalten. Dann erkläre er alles. Baldorim zieht sich wieder zurück und im Inneren des Wagens sagt er: “Irion? Wir haben einen Gast.” Linje, durch das Gespräch aufmerksam geworden, schaut ebenfalls unter die Kutsche und sieht, dass der Mann sich eines Zaubers bedient, der nur bei den Hexen verbreitet ist – und der selbst bei ihnen spärlich gesät ist. Ein Rätsel!
Baldorim weist Golbronn an, den Wagen in eine Nebenstraße zu fahren und anhalten. Golbronn tut wie geheißen und hält vor der Taverne „Kaiserstolz und Orkentot“ an. Als Linje unter den Wagen schaut, ist da zwar kein Magier mehr – dafür aber schwebende Kleidung, die zielstrebig mit einem ebenfalls schwebenden Buch versucht, sich aus dem Staub zu machen. Der Zauberer hat sich unsichtbar gemacht, ohne zu bedenken, dass die Unsichtbarkeit nicht auch noch die Kleidung am Körper betrifft. Pragmatik und Krisensituationen scheinen seine Sache nicht zu sein.
Nach kurzem Hin und Her beendet er den fehlverwendeten Zauber und kommt aus seiner Deckung. Seine einstmals teure Kleidung südlichem Ursprungs ist abgetragen, rissig und schmutzig, seine Kopfbedeckung - ein Turban, wie man später erfährt - hängt schlaff darnieder. Nichtsdestotrotz sind seine blauen Augen voller Leben, und sein Blick zeigt, dass er trotz des trotteligen Verhaltens einen sehr starken Willen hat. Er stellt sich als Dschelef ibn Jassafer vor und auch ohne weitere Nachfragen ist jedem klar, dass er der gesuchte Dieb ist. Er erzählt, dass er die ehemalige Spektabilität der Magierakademie von Rashdul sei, der ältesten Stadt der Menschen.
“Und auch wenn der Begriff Spektabilität nicht allen etwas sagt”, ergänzt er es mit sanfter Stimme. “Ich war dort der Lehrer der Lehrer, bis meine ehemalige Tochter mich von dort verstieß.” Während er sonst ausführlich antwortet, kürzt er hier deutlicher: „Ich habe als Folge ihres Verrats an mir keine Tochter mehr.” Es wird nicht weiter in ihn gedrungen, sondern er kommt bald wieder zur aktuellen Situation zurück. Er bittet darum, ihn aus der Stadt zu bringen. Er sei auf der Suche nach einem Buch gewesen.
„Ich habe gerade kein Gold bei mir, aber biete euch als Belohnung für euren Dienst diesen Ring als Pfand. Falls den Träger des Ringes jemand zu beißen versucht, wird der Ring ihn schützen“, meint Dschelef.
Baldorim schätzt den Ring auf gute 30 Dukaten Materialwert – Linje, die den Ring magisch untersucht, stellt fest, dass dieser ein Meisterwerk der magischen Künste ist. Im Ring gespeichert ist ein Armatrutz – ein Zauber, der vor physischen Angriffen schützt. Jedoch ist die Magie darin sorgsam verknüpft und für sich selbst ein Kunstwerk, filigran und elegant. So eine Meisterschaft hat Linje noch nie bei einem Artefakt gesehen, nicht das mächtigste, wohl aber das verspielteste. Als sie danach fragt, ob er sich wieder auflädt, nickt der Magier. “Drei Ladungen wurden mir vom Großmeister Khadil Okharim der Spektabilität der ehrwürdigen Drachenakademie hinein gezaubert.” Eine habe er in der Nacht zuvor verbraucht. Die Zwerge haben bereits von Khunchom und auch der Dracheneiakademie gehört - eine mystische Artefaktschmiede in der Stadt, die niemals schläft. Mit diesem alten Novadi und seinen Erzählungen scheinen gerade kurz Geschichten aus 1000 und einem Rausch wahr zu werden.
Dennoch schüttelt die Gruppe dies zunächst ab und begibt sich ins Innere der Herberge, die glücklicherweise nicht allzu stark besucht ist. Auf Dschelefs Bitte mietet Linje einen Raum, damit er sich frisch machen kann. Er zieht sich einige Zeit zurück, bevor er wieder gewaschen und mit gereinigter Kleidung den Schankraum betritt. Jetzt kann man auch von der Kleidung fast schon erahnen, dass der alte Mann nicht ein gewöhnlicher Dieb und Vagabund ist. Die Hose ist fein gewoben, das doch zerschlissene Gewand war einst definitiv von hohem Wert und sorgsam mit Zierrat geschmückt.
Als er das Buch auf den Tisch legt, greifen Linje und Irions Hände fast schon automatisch danach. Linje aus Neugier über den Inhalt, Irion aus Neugier über den möglichen Wert. Aber wie schon von der Stadtwache beschrieben: Als sie das Buch öffnen, fangen die Buchstaben zu tanzen an.
“Ihr sagt, die Lösung für das Problem findet ihr in diesem Buch?”
“Nun, eigentlich suchte ich ein ganz anderes Buch, als ich über dieses hier stolperte … es birgt unvorhergesehenes Wissen.” Linjes Augen leuchten auf, als sie das hört, und erneut möchte sie das Buch gerne einmal anschauen. Dschelef berichtet, dass es einen Teil des großen Folianten der Abschwörung enthält.
“Aber schaut nur!”, ruft er fast verzweifelt aus. “Es wurde auseinandergerissen! Teile davon fand ich an anderen Orten und wie, wie in aller Welt bei Rastullah soll ich jemals den ganzen Folianten finden?”
Dschelef ist neben dem Buch aber auch auf der Suche nach einem Zauberer namens Jachman abu ibn Jedrech, der schon vor ihm in Baliho war und seiner Meinung nach das andere Buch gestohlen hat. Dann warnt er sie, sollten sie eine hübsche kleine schwarzhäutige Frau - er nennt sie Mohakriegerin - sehen. Sie sei mit Magie auf Jachman eingeschworen. Jeder der vier hat auf auf irgendeinem Weg schon von diesen exotischen aussehenden Menschen gehört: Linje weiss von einem schwarzhäutigen Mann in Baliho, die Zwerge kennen sie als Sklaven aus den Khomkriegen und Irion ist ohnehin schon weit umhergekommen. Eine Mohakriegerin haben sie aber noch nicht gesehen. Der alte Mann spricht warnend und bittet die Gruppe darum, dass sie ihm direkt Bescheid sagen, sollten sie die Kriegerin sehen, denn sie ist Jachmans treueste Dienerin. Schwarz wie die Nacht sei sie, und tödlich ohnegleichen.
Wer denn dieser Jachmann sei? Dschelef nennt ihn, “einen Bekannten, bei dem es einem wichtig ist, ob er noch lebt” - was Baldorim relativ pragmatisch mit “Lieblingstotfeind” übersetzt. Der alte Magier nickt - dies könne passen.
Bevor er aber mehr erzählen kann, kommt Golbronn, der von Baldorim als Wache eingeteilt wurde, in die Taverne gestürzt. Ein Trupp der Stadtgarde ist gezielt auf dem Weg hierher.
Eiligst brechen sie auf, eilen mit demselben Grund wieder aus Baliho heraus, mit dem sie hereingekommen sind – und da sich Dschelef unsichtbar macht - diesmal aber auf Geheiß von Linje daran denkt, die Kleidung auszuziehen, welche er penibel gefaltet neben sich auf die Rückbank legt, könne sie ihn in der Kutsche versteckt ohne Probleme auf Baliho hinaus bringen..
10.2 – Das Wissen Dschelefs
Im sicheren Gefühl, der Gefahr entkommen zu sein, erzählt Dschelef bereitwillig von all den Sachen, die er gefragt wird. Er scheint es zu mögen zu erzählen. Sollte einer von uns jemals unter einem Fluch liegen, der ein flaues Gefühl im Magen verursacht und seltsame Bisslöcher am Halse haben, mögen wir ihn doch aufsuchen, denn er hofft, etwas in dem Buch zu finden, welches diesen Zustand kurieren könnte.
Eine ihm teure Person habe er vor kurzem verloren. Sein Schüler - nicht außergewöhnlich begabt, aber treu - war eines Nachts verschwunden, und als er nach einiger Zeit doch wiederkam sagte er, er habe mit einer Löwin gekämpft. Danach hatte er eben jene Symptome. Die Löwin trug ein Wappen mit Gelb auf schwarzem Grund und in der Mitte ein pochendes Herz von Federn umgeben. Baldorim erkennt in der Beschreibung das Wappen der Menzheimer. Er erzählt, dass er nicht weiss, ob Ifritim oder der Iblis hinter diesem Fluch steckt, jedoch sind beide böse auf ihre eigene Weise. Die Ifritim, so erklärt Dschelef geduldig, sind Wesenheiten wider die Elemente. Sie sind der Gegensatz zu dem, was wir Schöpfung nennen – sie kommen aus der siebten Sphäre und bestehen aus Chaos. Der Iblis dagegen ist der, der das, was da ist in all seiner Macht beherrschen will, der unzüchtige Wesen herbeibringt und eine eigene Art von Ordnung - seine Ordnung einrichten möchte. Das Wort Iblis bedeutet “Der, der beherrschen möchte”. Dschelef sucht nun nach einer Möglichkeit, die Symptome zu heilen, die diese Löwin verursacht hat. Sein Gefährte hat lange durchgehalten, keinen Menschen getötet …
“Wir haben uns … andere Möglichkeiten überlegt.” Dschelefs müdes Gesicht wird mit einem Mal um einiges grauer, als er das erzählt, und die Helden bemerken die Schnitte an seinen Armen.
Kaum eine Stunde nachdem sie die Stadt verlassen hatten, sind eilige Hufgeräusche von hinten zu hören. Ein Trupp Balihoer Rundhelme, angeführt von einer weidner Adeligen, die einen Stoppbefehl ruft. Nach dem Halt wird die Kutsche umringt. Die Hauptfrau nennt sich Adessia von Rabenmund hat von dem eiligen Aufbruch der Fremden sowie der Begleitung gehört und Verdacht geschöpft. Nur dank etwas Ablenkung, in der jeder der vier Gefährten etwas beisteuert, gelingt es auch diesmal, dass Dschelef – der sich wieder einmal unsichtbar machte – die Kutsche verlassen konnte, bevor diese sehr gründlich durchsucht wird. Die Helden merken, dass hier im Einzugsgebiet Balihos das Wort des Herzogs längst nicht mehr so viel gilt, wie das Wort des Arvon von Nordfalk, Burgherr zu Baliho und Vertrauter des Reichsbehüters Brin.
Zum Abschied gibt es keine Entschuldigung für die “falschen” Verdächtigungen, wohl aber - nachdem berichtet wird, dass man eine Depesche des Herzogs zum Baron von Menzheim bringen soll – die Bitte Ugreine von Menzheim zu grüßen. Die Hauptfrau beschreibt ihnen die junge Baronesse noch einmal – und Baldorim bemerkt die erhebliche Ähnlichkeit zwischen Ugreine und der Löwin aus Dschelefs Geschichte.
Nach dieser Aufregung ist zunächst eine Rast von nöten: Dabei erzählt Dschelef, dass in dem Buch, welches er in der Bibliothek gestohlen hat ein Vers einer Prophezeiungen, die er die Prophezeiungen des Nostria Thamos nennt, und weitere Verse aus einer anderen Quelle – die Orakelsprüche von Fasar – stehen.
Er blättert eifrig und rezitiert:
„… Dies ist die Kunde von den Zeiten, wenn sich das Angesicht der Welt wandeln wird …
Wenn der Drache seinen Karfunkelstein verliert, wird sich die Kunde verbreiten von SEINER künftigen Macht, und SEIN Diener stirbt und kann doch nicht sterben …
Wenn der Sohn des Raben von der Tochter der Schlange niedergestreckt wird, erhebt sich wieder das leuchtende Zelt, und Herrscher des Zeltes wird sein der dritte seines Namens …
Wenn der Kaiser aus Borons Schlund ins Goldene Land vertrieben wird, werden die Legionen des Blutgottes ins Herz des Greifen stoßen, und ein Sohn des Fuchses wird den Namen seines Oheims und seiner Mutter tragen …
Wenn der Tote den Toten beschwört, werden sich auftun die Sphären, und es wird ein Heulen und Zähneknirschen unter den Zauberern und Gegenzauberern und den Leuchtenden Erleuchteten …
Dann wird erscheinen der Erste der Sieben Gezeichneten, und sein Zeichen wird sein der Rubin und das Wissen um SEINEN Namen …“
II. Spruch
Wenn der geblendete Blender die verblendete Blenderin trifft, wird ihr gieriger Blick fallen auf die Gier der Menschen und auf IHN, und was ihr zuteil ward, das soll auch IHM zuteil werden.
Wenn die gespaltene Zunge die Schwerter und die geflügelte Zunge die Szepter führt, werden Drachen wieder kreisen und Greifen wieder reisen, alte Partner wieder streiten und alte Gegner wieder zusammenfinden.
Wenn der Schlaf des Hüters gestört wird und sein Heim in dunkle Klauen fällt, wird ein alter Pakt erfüllt, eine alte Schuld gesühnt, ein altes Geheimnis gelüftet und ein alter Plan vollführt werden.
Wenn die Ketzerin den Ketzer knechtet, wird der weiße Pelz des Bären rot sein von Blut, und es wird ihr Blut sein und doch nicht ihres, und das formlose Grauen wird annehmen grausame Form.
Dann wird erscheinen der Zweite der Sieben Gezeichneten, und sein Zeichen wird sein die Kreatur und das Wissen um SEINE Gestalt.
III. Spruch
Wenn zwiefach Offenbarungen sich zwiefach offenbaren, werden Zwei eins und ungeschlagen, Eins zwei und untrennbar sein, und SEINE Feinde werden ihre Freunde sein, und SEINE Freunde ihre Feinde.
Wenn von allen einer ahnt, was die Ahnen aller mahnen, werden sich die erwählten Stämme erheben, und zu erheben einen Erwählten, auf dass der Eine alle acht über sich, alle sieben um sich, alle sechs in sich und alle fünf unter sich vereine.
Wenn das Rund des Frevlers in der Runde der Frommen ruht, wird er den Größten gehören und die Größten ihm, und es wird sich schließen der Kreis, um einst zu beenden, was einst beginnt.
Wenn Mönch und Meuchler den Platz für die Nacht teilen, werden die Bannlande erbeben und drei Tore aufgestoßen, und es werden wahre Pforten des Grauen sein für alle die, die da aufrecht sind im Geiste.
Dann wird erscheinen der Dritte der Sieben Gezeichneten, und sein Zeichen wird sein die zweite Haut und das Wissen um SEINE Macht.”
Kurz darauf blättert er wieder, murmelt immer wieder Unverständliches, bis ein “HIER steht es!” laut und deutlich durch seinen Bart dringt. Er räuspert sich erneut und liest:
III. Spruch: Von den Handlangern des Untergangs
Wenn der Diener jenseits des Todes den Meister außerhalb des Todes ruft.
Wenn die Verderberin der Leiber einen Leib dem Verderber der Welten verschafft.
Wenn die verlorenen Scharen der Gestaltlosen annehmen die Gestalt der Schar der Verlorenen.
Wenn aus kristallenem Herz der geraubte Schlangenfürst spricht.
Wenn die Bäume auf der See wurzeln, die Festungen über Land wandeln und die Belagerungstürme über den Himmel ziehen.
Linje, die diese Art von Prophezeiung an ihrer Art und Aufbau erkennt und seit einiger Zeit studiert, holt ihrerseits ihr eigenes Vademecum hervor und beginnt, sich begeistert mit Dschelef auszutauschen. Er erklärt ihr – wieder ganz Lehrer – die Unschärfethesis der Niobara von Anchopal. Diese besagt: Je genauer und schärfer die Prophezeiung ist, umso unschärfer wird die Gegenwart, wodurch sich die Zukunft ändern wird. oder andersherum: je unklarer die Prophezeiung, umso eher wird sie eintreten. Linje, die zu verstehen meint, was Dschelef ihr da an unendlichem Wissen mitgibt, saugt danach jedes seiner Worte auf und lässt sich von ihm erklären, wie er daran geht, die Prophezeiungen zu entschlüsseln. Sie steigt nach der Rast mit in die Kutsche und versucht, alles aufzunehmen, bis ihr Gehirn sich zu späterer Stunde anfühlt wie ein aufgeweichter Schwamm. Erschöpft sinkt sie an Irions Schulter in den Schlaf.
10.3 – Freinde
Am Abend des 27. Rahja erreichen sie Altnorden, die ehemals nördlichsten Punkt und Grenze des alten Reiches. Viele Leibeigene sind schwitzend bei der Arbeit, eine Stadtmauer zu errichten, während ein berittener, vermutlich adeliger Mann die Konstruktion überwacht.
In der Taverne wird Irion sofort und zu seiner Überraschung von zwei alten Freunden begrüßt. Irinja und Jago, hübsche Zwillinge, ihres Zeichens ebenfalls Gaukler - die trotz des unterschiedlichen Geschlechts vollkommen identisch aussehen. Bevor Irion sich zu ihnen setzen kann, lassen beide noch jeweils ein Stück Pergament mit einer roten Glyphe darauf, welche vor ihnen auf dem Tisch lagen, verschwinden. Das seltsame, blutrote Symbol kann sich Irion aber in dem kurzen Moment nicht näher anschauen.
Die drei alten Freunde freuen sich, sich zu sehen und beginnen schnell, sich auszutauschen. Irinja macht sofort klar, wo sie Irion diese Nacht gerne sehen würde, und fragt ihn, was er hier tut. Als er vom Herzog erzählt, wird sie hellhörig. Nun reden sich Irinja und Jago gemeinsam in Rage und berichten darüber, dass sie zu viel Unrecht hier in der Stadt beobachten mussten und dass die Rangordnung nicht natürlich sei. Zwar unterbrechen sie sich immer wieder gegenseitig mit den Worten “Quatsch nicht so viel!” – “Quatsch DU nicht so viel!”, aber irgendwie können sie es nicht lassen, Irion zumindest anzudeuten, was sie bewegt. Sie laden ihn ein, sobald er mit seinem jetzigen Auftrag fertig ist, sie am 20. Praios in Baliho in der Taverne “Bockiger Esel” zu treffen.
“Da wird einiges passieren”, meint Jago bedeutungsschwanger. “Wir werden ihnen zeigen, wer die Macht im Land hat.” Und wenn seine Gefährten ebenfalls den Anblick nicht mögen, dass die Herren ihre Bauern plagen, kann er sie gerne mitbringen.
Argosch und Baldorim setzten sich an die letzten freien Plätze in der Taverne, zu einem unglaublich stark und breit gebauten Thorwaler. Er ist oberkörperfrei, aber dafür überall mit Hautbildern bemalt, und am Tisch lehnt eine große Barbarenstreitaxt. Vor ihm liegt eine lederne Kladde mit einem Schriftstück. Angestrengt schaut der hünenhafte Mann darauf, zieht die Augenbrauen zusammen und ist sichtlich erfreut darüber, dass er bei dieser nahezu schweißtreibenden Arbeit gestört wird.
Sein Name ist Bersk (Bersi) Starkhand und den beiden fällt auf, dass die Glyphe auf dem Pergament, welches er auch vor sich liegen hat, wie die Zwillinge, auch auf seinem Unterarm tätowiert ist. Als sie fragen, ob sie sich setzen dürfen, fragt er tumb: “Seid ihr Freunde von Lamurdan?”
“Wer ist das?”
“Dann wohl nicht”, murmelt er leiser. Dann lauter: “Ein Zwerg.” Baldorim und Argosch schauen ihn einen Augenblick lang schweigend an, bevor die Stimme des alten Kämpfers bedrohliche über die Tischplatte rollt und sich in dem Gehörgang des Thorwalers einnistet: “Und ihr meint, weil er ein Zwerg ist, und wir Zwerge sind, müssen wir uns kennen?” Bersk blinzelt verdutzt und winkt dann ab.
“Lasst uns lieber trinken. Setzt euch.”
Linje, die Dschelef hinauf in ein Zimmer gebracht hat, wo er weiter das Buch studieren will, bemerkt beim Herunterkommen eine Gestalt in Seidenrobe in der Ecke. Eine Moha, acht Spann groß und trotz der Hitze Handschuhe tragend, beobachtet die beiden Gaukler und den Berserker. Sie ist pechschwarz, schön wie die Nacht und beobachtet mit scharfen Augen jede Bewegung. Die junge Frau folgt der Blickrichtung der Moha und sieht sie jeweils an den Tischen der Beobachteten sitzen. Sie geht zuerst zu den beiden Zwergen, die sich mit Bersk schon gut verstehen. Sie begrüßt den Thorwaler höflich, nimmt die Einladung zu trinken an und bittet die Zwerge anschließend, ihr beim Getränke tragen zu helfen. Bersk mokiert, dass sie doch lieber bleiben solle. Linje, die darauf besteht, etwas zu trinken für alle zu besorgen, versucht im Weggehen, seine Koketterie zu erwidern, stolpert dabei aber gekonnt über ihre eigenen Füße, einen weiteren Schemel und sitzt dann etwas verdutzt auf dem Boden. Argosch und Baldorim eilen ihr sofort zur Hilfe - bei dieser Gelegenheit raunt Linje ihnen schnell von der glutäugigen Moha, die den Raum beobachtet.
Die erste Runde, die Argosch mit Linje besorgen geht, ist dem Berserker viel zu schnell alle. Die Hexe geht währenddessen mit Wein zu dem Tisch der Gaukler und überlässt die Kämpfer ihren Gesprächen. Als Bersk eine weitere Runde holt, nutzt Argosch die Gelegenheit, den Inhalt der Ledermappe mit der roten Glyphe zu spähen. Er kann allerdings nichts lesen, denn auch hier fangen die Buchstaben vor seinen Augen zu tanzen an. Als Bersk an den Tisch zurückkommt, schlägt er sich plötzlich mit der Hand in den Nacken. Niemand hat mitbekommen, mit welcher Geschwindigkeit die Gestalt in der Ecke mit einem Holzrohr einen Pfeil auf den Berserker geschossen hat. Es gelingt Argosch und Baldorim gerade so noch auszuweichen, bevor der Thorwaler dort zusammenbricht, wo sie zwei Sekunden zuvor noch saßen. Als der schwere Körper des Thorwallers über dem Tisch zusammenbricht, springen auch Jago auf und zieht Irinja mit. Er flucht leise, dass der Berserker sich wohl verquatscht hat und beide verabschieden sich von Irion und rennen die Treppe hinauf.
Baldorim schaut währenddessen noch einmal nach Bersk, entdeckt den Pfeil in seinem Nacken und entfernt ihn. Der Wirt der Taverne weist zwei Männer an, ihn herauszuschleppen, denn sie meinen, dass der große Krieger nur zu betrunken sei, um geradeaus zu laufen. Er sagt ihnen, dass sie ihn in die Pferdetränke werfen sollen. “Dann wird der schon von alleine wach.”
Argosch bemerkt als Einziger, dass Bersk noch lebt, als er hinaus getragen wird, doch obwohl er sein Wissen unmittelbar teilt, bleibt keine Zeit …
Die Hexe, die befürchtet, dass die Zwillinge nun dem kauzigen Magier ans Leder wollen (oder irgendetwas anderes aushecken), folgt ihnen währenddessen die Treppe hinauf. Dort hört sie aus ihren Gesprächen, dass auch ein Mann namens Vestor und der bereits benannte Jachmann selbst hier im Gebäude sind. Also versucht sie, Dschelef zu warnen. Der alte Magier arbeitet wie besessen und schreibt und streicht manisch Texte und geometrische Formen durch, so dass sie seinen Geist nicht zu fassen bekommt. So schließt sie zumindest das Fenster und ihn in den Raum ein, um eine Spur von Sicherheit zu haben. Danach schnappt sie sich ihren Bogen, legt zur Sicherheit, oder weil sie einfach ein schlechtes Gefühl hat, die Sehne ein, und sucht zu ihren Gefährten in den Schankraum zu kommen..
Im Schankraum währenddessen will sich Argosch unbemerkt die Ledermappe greifen, doch die Moha Talah beobachtet ihn. Sie bedeutet ihm mit Gesten, die Ledermappe liegen zu lassen und zu verschwinden. Als er nicht folgt, springt sie mit wahnsinniger Geschwindigkeit auf ihn zu. Irion, der auch zu dem Tisch getreten war, hatte nicht einmal Zeit seine Wurfsterne zu werfen, da hat sie ihn schon gepackt und in den Schwitzkasten genommen, um ihn als Schutzschild gegen Baldorims Balestrina zu verwenden. Ohne sie richtig sehen zu können, schlägt er mit dem Wurfstern in der Hand zurück und erwischt glücklicherweise die Moha im Gesicht, worauf sie ihn loslässt und er zur Seite ausweicht und von Baldorim in die Brust geschossen wird.
Wieder springt sie nach vorne, macht einen Salto über Baldorim hinweg, um Argosch die Mappe zu entreißen. Es ist allein schwer, ihr mit den Augen zu folgen. Währenddessen taucht die Hexe wieder auf der Treppe auf, begutachtet die Lage, legt einen Pfeil, zielt und trifft. Zwei weitere gute Treffer mit einer schweren Axt, und sie kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Baldorim erledigt sie mit einem gezielten Schuss in den Kopf. Murrend stapft Linje die Treppe hinunter. “Wie schwierig ist es …” Sie stiefelt über einen umgefallenen Stuhl. “… nicht auffällig …” Packt ihren Pfeil, der noch in der Moha steckt. “… zu sein?” und zieht. Der leblose Körper der Moha ruckt einmal zu ihren Füßen dabei. Sie blickt ihre drei Gefährten an, die kurz verdattert schauen und ihr dann erklären, warum es nötig war, so zu agieren. Sie nickt nur. Mit säuerlichem Gesicht zwar, doch versteht sie den Ernst der Lage. Sie teilt den anderen mit, was sie von den Zwillingen gehört hat, und wendet sich wieder der Treppe zu, als Argosch sagt: “Linje – der Thorwaler. Er hat noch gelebt.”
Anhang: Auszüge der Orakelsprüche von Fasar
„… Dies ist die Kunde von den Zeiten, wenn sich das Angesicht der Welt wandeln wird …
Wenn der Drache seinen Karfunkelstein verliert, wird sich die Kunde verbreiten von SEINER künftigen Macht, und SEIN Diener stirbt und kann doch nicht sterben …
Wenn der Sohn des Raben von der Tochter der Schlange niedergestreckt wird, erhebt sich wieder das leuchtende Zelt, und Herrscher des Zeltes wird sein der dritte seines Namens …
Wenn der Kaiser aus Borons Schlund ins Goldene Land vertrieben wird, werden die Legionen des Blutgottes ins Herz des Greifen stoßen, und ein Sohn des Fuchses wird den Namen seines Oheims und seiner Mutter tragen …
Wenn der Tote den Toten beschwört, werden sich auftun die Sphären, und es wird ein Heulen und Zähneknirschen unter den Zauberern und Gegenzauberern und den Leuchtenden Erleuchteten …
Dann wird erscheinen der Erste der Sieben Gezeichneten, und sein Zeichen wird sein der Rubin und das Wissen um SEINEN Namen …“
II. Spruch
Wenn der geblendete Blender die verblendete Blenderin trifft, wird ihr gieriger Blick fallen auf die Gier der Menschen und auf IHN, und was ihr zuteil ward, das soll auch IHM zuteil werden.
Wenn die gespaltene Zunge die Schwerter und die geflügelte Zunge die Szepter führt, werden Drachen wieder kreisen und Greifen wieder reisen, alte Partner wieder streiten und alte Gegner wieder zusammenfinden.
Wenn der Schlaf des Hüters gestört wird und sein Heim in dunkle Klauen fällt, wird ein alter Pakt erfüllt, eine alte Schuld gesühnt, ein altes Geheimnis gelüftet und ein alter Plan vollführt werden.
Wenn die Ketzerin den Ketzer knechtet, wird der weiße Pelz des Bären rot sein von Blut, und es wird ihr Blut sein und doch nicht ihres, und das formlose Grauen wird annehmen grausame Form.
Dann wird erscheinen der Zweite der Sieben Gezeichneten, und sein Zeichen wird sein die Kreatur und das Wissen um SEINE Gestalt.
III. Spruch
Wenn zwiefach Offenbarungen sich zwiefach offenbaren, werden Zwei eins und ungeschlagen, Eins zwei und untrennbar sein, und SEINE Feinde werden ihre Freunde sein, und SEINE Freunde ihre Feinde.
Wenn von allen einer ahnt, was die Ahnen aller mahnen, werden sich die erwählten Stämme erheben, und zu erheben einen Erwählten, auf dass der Eine alle acht über sich, alle sieben um sich, alle sechs in sich und alle fünf unter sich vereine.
Wenn das Rund des Frevlers in der Runde der Frommen ruht, wird er den Größten gehören und die Größten ihm, und es wird sich schließen der Kreis, um einst zu beenden, was einst beginnt.
Wenn Mönch und Meuchler den Platz für die Nacht teilen, werden die Bannlande erbeben und drei Tore aufgestoßen, und es werden wahre Pforten des Grauen sein für alle die, die da aufrecht sind im Geiste.
Dann wird erscheinen der Dritte der Sieben Gezeichneten, und sein Zeichen wird sein die zweite Haut und das Wissen um SEINE Macht.
Was Linje schon kennt:
Alanfanischen Prophezeiungen des Nostria Thamos
Wohl erzittert der Sterbliche, wenn sich der Kelch der Katastrophe über ihn ergießet, doch wisse, dass die Ungaben der Unsterblichen stets zwiefach sind.
I. Spruch: Von der Zweiheit der göttlichen Ungaben
Zweimal, nicht einmal wird der Zwist der Zwillingsbrüder offenbar, und der Geber der Gestalt unterliegt, damit der Nehmer der Welt unterliegen muß.
Zweimal, nicht einmal werden die tumben Söhne Ogerons dem Kreuz des Nordens folgen.
Zweimal, nicht einmal werden die Botschafter von Ordnung und Einheit zweiteilen Ordnung und Einheit.
Zweimal, nicht einmal werden die Legionen des Roten Mondes vor das Haus der Gelben Sonne treten.
Zweimal, nicht einmal wird der Rabe nach dem Thron des Herren über Zwölf greifen.
II. Spruch: Von Drachen und Kaisern
Wenn sich Drachenblut mit Menschenblut auf einem Berg von Gold verbindet.
Wenn sich wegen des Schicksals der Zwillingskaiser nicht erfüllen kann das Schicksal der Kaiserzwillinge.
Wenn der alte Elfenkönig und der neue Elfenkönig mit Schiff und Roß heimgekehrt und bewiesen, daß der Elfenkönig nimmermehr wahr.
Wenn der alte Kaiser dem neuen Kaiser nachfolgt.
Wenn in der Neunflüssigen ein Alter Drache bar eines Karfunkels und ein Alter Karfunkel bar eines Drachen weilen.
Was Dschelef ergänzt:
III. Spruch: Von den Handlangern des Untergangs
Wenn der Diener jenseits des Todes den Meister außerhalb des Todes ruft.
Wenn die Verderberin der Leiber einen Leib dem Verderber der Welten verschafft.
Wenn die verlorenen Scharen der Gestaltlosen annehmen die Gestalt der Schar der Verlorenen.
Wenn aus kristallenem Herz der geraubte Schlangenfürst spricht.
Wenn die Bäume auf der See wurzeln, die Festungen über Land wandeln, und die Belagerungstürme über den Himmel ziehen.
Unstimmigkeiten in Menzheim III
11.1 – Bersks Rettung
“Er lebt noch?”, fragt Linje, dreht auf dem Absatz um und kehrt von der Treppe zurück. Sie schaut sich den vergifteten Pfeil an, den Baldorim ihr reicht. “Wenn wir ihn retten, kann er uns vielleicht erzählen, was hier los ist …”
Mit einem Blick auf den Körper der toten Moha murmelt Irion: “Zum Glück war sie gar nicht so stark, wie der Alte uns vorgemacht hat”, während er seine Wurfsterne einsammelt, die verstreut um die Leiche herumliegen.
Baldorim versucht derweil die Szene dem Wirt zu erklären. Er wirkt wenig überzeugend, da er dabei wild gestikulierend seine geladene Balestrina herumwirbelt. Verängstigt stimmt der Wirt allem zu, das Baldorim sagt, bis dieser sich zufrieden abwendet.
Linje, begleitet von Argosch und Irion, untersucht derweil den Berserker. Sie findet den Puls und hievt den schweren Körper des Thorwalers mit Argoschs Hilfe aus der Tränke. Sie legen Bersk so, dass Linje sich die Einstichstelle genauer anschauen kann. Als sie gerade beginnen will, fällt die Tür der Taverne erneut schwer ins Schloss und die Zwillinge kommen heraus. Sie rufen Irion nur schnell im Vorbeigehen zu, dass sie den Berseker sterben lassen sollen, denn es wird der angenehmere Tod für ihn sein.
“Wenn er überlebt, wird Jachman ihm schreckliche Dinge antun!”
“… und vielleicht kommst du besser doch nicht nach Baliho.”
Irion wünscht den beiden noch Sicherheit und viel Erfolg.
“Wartet!”, ruft Linje ihnen zu. “Könnt ihr uns nicht erklären, was hier überhaupt passiert?” Ohne sich umzublicken hebt eine der beiden identischen Gestalten noch einmal die Hand zum Gruß, bevor sie langsam in der Dunkelheit verschwinden – für einen Unbekannten nicht auseinanderzuhalten. Die Hexe wirft einen verzweifelten Blick zu Irion, der nur verwundert die Achseln zuckt und sagt: “Was sollen sie denn noch hier?”, woraufhin sich Linje daran macht, das Gift herauszusaugen. Es ist wohl ihr Hexenspeichel, der das Gift neutralisiert, welches sie nach einer Weile ausspuckt. Nach einer Weile beginnt sich die Atmung Bersks zu stabilisieren, das Pfeifen in der Lunge verschwindet.
“Er ist jetzt stabil”, sagt Linje leise zu Argosch. “Aber jemand, der sich mit Giften auskennt, sollte sich um ihn kümmern.” Während sie um Bersk herumstehen oder knien, taucht Golbronns Gesicht neben Baldorims auf.
“Der Wagen, Herr?”, fragt er ernst. Verwirrt schaut der Zwerg auf: “Was meinst du?”
“Nunja, aus der letzten Stadt sind wir in einer ähnlichen Situation geflohen …” Der alte Zwerg entgegnet: “Wir haben nichts Unrechtes getan und haben deshalb auch keinen Grund zu fliehen!” Argosch wirft hingegen ein: “ Vielleicht gar keine schlechte Idee.”
Schließlich wissen die Helden, dass Jachman sich noch im Gebäude befinden soll. Dieser scheint so viel Macht zu haben, dass allein die Erzählungen einschüchternd wirken – also beschließt die Gruppe, zu verschwinden. Linje nickt allerdings bei Argoschs Worten und sagt: “Wir haben noch unsere Sachen und einen Magier im Zimmer … würde einer der beiden Kämpfenden mich begleiten? Nur für den Fall.” Währenddessen macht sich Golbronn schon auf, ohne zu wissen, dass Linje Dschelef in dem Zimmer eingeschlossen hatte. Sie zieht den Schlüssel aus ihrer Tasche, während sie ihm hinterher schaut.
“Ich begleite dich gern”, sagt Argosch. Linje schenkt ihm ein Lächeln und gemeinsam machen sie sich kurz nach Golbronn auf den Weg zurück.
Nach dem Geschehenen haben die Menschen in der Taverne immer noch Angst vor den Gefährten. Linje versucht zwar, nach Außen keine Gefahr zu vermitteln, nichts desto trotz ist sie dankbar für den wachsamen Zwerg in ihrem Rücken. Als sie die Treppe hinaufgehen, steigt Argosch rückwärts hinter ihr hinauf, um im Notfall schnell reagieren zu können, als er sieht, wie sich mitten im Raum eine purpurne Wolke formt.
“Linje …”, sagt er leise. “Da passiert etwas seltsames.” Sie dreht sich um und beide sehen, wie sich die Wolke ausbreitet und jede Lichtquelle intensiviert, während sie alles in diesen seltsamen Nebel hüllt.
Die Tür geht auf und die beiden sehen Irion und Baldorim, die ihnen wohl folgen wollten, als die Wolke die ersten Gäste erreicht. Die Augen des Wirtes werden rot und mechanisch geht er zu der Leiche der Moha. Er kniet sich daneben und beginnt unmenschlich zu klagen. Eine unendliche Trauer flutet den Raum. Sie beobachten, wie die Hände des Wirts an sein Gesicht greifen und mit den Fingernägeln über seine Haut kratzen, schonungslos, während er einen Schmerz in die Welt ruft, der nicht der seine ist. Linje legt Argosch eine Hand auf die Schulter und murmelt “Ich habe keine Ahnung, was das ist. Wir sollten uns zurückziehen.” Argosch nickt und mit einem letzten Blick zu Baldorim bedeutet sie auch ihm, dass die beiden besser aus der Taverne verschwinden sollten. Der Alte ruft ihr noch zu: “Werft die Sachen im Notfall aus dem Fenster, wir warten darunter bei der Kutsche!”
Baldorim öffnet die Tür, tritt ins Freie – doch als er sich zu dem befreundeten Gaukler umdreht, sieht er, dass dieser nicht folgt, sondern mit einem faszinierten Blick leise murmelt: “Was IST das nur?” und langsam auf die Wolke zugeht. Die Tür, die gerade zuschwingen möchte, legt sich eine gepanzerte Zwergenhand auf seine Schulter.
“Irion”, brummt er. “Komm mit mir.”
“Jaja, sofort, aber schau doch – was ist das nur?” Irion macht noch einen Schritt vor.
“Ich möchte dich nicht gewaltsam aus der Taverne ziehen.” In dem Moment beginnen Gäste aus dem Inneren der Taverne durch die geöffnete Tür zu fliehen und trennen die beiden.
“Ich will doch nur kurz …”, murmelt Irion, während Baldorim im Hintergrund flucht und nach ihm ruft. Er bemerkt erst jetzt wirklich, dass jeder Mensch, der von der Wolke berührt wird, mechanisch zu Talahs totem Körper geht und in das Klageritual des Wirtes einfällt. Der Zwerg und der Gaukler stehen einen Moment lang schweigend, erinnern sich an die seltsamen Rituale des Südens, bei denen am Ende der geehrt wird, der am wirkungsvollsten getrauert hat, während die Gäste der Taverne sich die Gesichter blutig kratzen … Nichts destotrotz ist die Atmosphäre feierlich.
Baldorim zischt noch einmal: “Irion! Komm jetzt, das ist irgendein drachisches Ding, das da passiert!”, woraufhin der Gaukler sich den Gästen anschließt und zusieht, dass er aus dem verfluchten Schankraum hinaus kommt.
11.2 – Desintegratus\\
Als Linje die Tür zu Dschelefs Zimmer öffnet, kniet auch dieser auf dem Boden und haut sich mit der Faust gegen die Stirn.
“Ich habe es nicht geschafft! Versucht und gescheitert! Ich brauche noch eine Ingredienz!”, ruft er kläglich. Linje versucht ihn zu beruhigen und hört dabei, wie auch aus dem Nebenzimmer eine männliche Stimme vor Trauer klagt. Erst als Linje erwähnt, dass Jachman gleich im Zimmer nebenan ist, scheint sich Dschelef wieder zu sich zu kommen. Aus seiner Trauer wird Jähzorn und wiederum ignoriert er Linje.
Dschelef ruft mit finsterer Miene nach Jachman, worauf dieser antwortet. Linje, die fluchend die Bemühungen aufgibt, Dschelef von einem Streit durch eine sehr, sehr dünne Zimmerwand abzuhalten, hilft Baldorim und Golbronn nun hektisch dabei, die Sachen aus dem Fenster zu werfen und ein Seil zur Flucht vorzubereiten. Sie hebt das magische Buch, an dem Dschelef gearbeitet hat, auf und klemmt es sich unter den Arm. Gerade, als sie ihre Kiepe bereit machen will, um später hinter den Gekletterten herzufliegen, brüllt Dschelef: “DESINTEGRATUS!”
Irion und Baldorim sind währenddessen um die Taverne zu ihrem Fenster gelaufen und sehen, wie Sachen durch die Luft segeln, gefolgt von einem Seil, das aber festgebunden worden zu sein scheint. Sie beginnen, die heruntergefallenen Dinge einzusammeln, als …
“DESINTEGRATUS!” Eine laute Explosion unterbricht sie. Schnell wie ein Wiesel springt der Gaukler an das Seil und klettert die Fassade hinauf, während Baldorim seine Balestrina zieht und eine Schussbahn auf die Person im Nebenzimmer sucht. Er zielt auf das geschlossene Fenster rechts neben dem ihren.
“WENN DU OBEN BIST, ÖFFNE DAS FENSTER!”, brüllt er seinem Gefährten zu, der kurz nickt und sich geschickt an ihrem Fenster vorbeihangelt. Als er einen neugierigen Blick in die Szene wirft, sieht er Dschelef, wie er mit zitterndem, anklagenden Finger auf etwas zeigt, das Irion aus seiner Perspektive nicht sehen kann, und brüllt: “Es gehört der Dracheneiakademie und du hast es gestohlen!” Jachman ibn Jedrech dagegen hebt die Hände und Dschelef, Linje, Argosch und Golbronn beginnen im Boden zu versinken.
Geschickt kann Linje sich befreien und zieht auch Argosch wieder hoch, aber Dschelef versinkt immer weiter, während er irgendetwas mit seinem Stab macht. Ein kuppelförmiges Glühen breitet sich um ihn herum aus. Jachman lacht und ruft: “DAS wird dich nicht retten”, und als Dschelef durch den Boden sinkt, richtet sich sein stechender Blick auf Linje und Argosch. Linje hat es geschafft, sich mithilfe ihrer Krallen an der Wand festzuhalten und hält Argosch eine krallenbewehrte Hand hin, der beherzt zugreift. Sie zieht ihn auf einen Fleck stabilen Boden und schaut sich suchend nach Golbronn um, doch dort wo er war, schließt sich gerade ein halbflüssiges Loch im Boden. Ihr Blick fällt auf den Stab von Dschelef, der wie durch ein Wunder seinem Besitzer nicht durch den Boden folgt.
“Ich werde euch für ihren Mord richten!”, ruft Jachman. Die Hexe ruft: “Argosch!”, wirft ihm das Buch zu und springt zu dem Stab, in der Hoffnung, dass er sie und den Zwerg anschließend vor den magischen Angriffen schützt – doch vergeblich. Jachman zeigt auf Linje und ruft “Brenne, toter Stoff!” Ihre Kleidung fängt auf einmal an zu brennen. In Panik und um das Feuer zu löschen, schmeißt sie sich auf den Boden und glücklicherweise gerät sie in keines der sumpfartigen Löcher.
Derweil hat es Irion geschafft, sich an den Sims des benachbarten Fensters zu hängen. Mit einem unglaublichen Geschick öffnet er die Fensterläden und gibt Baldorim ein Zeichen. Der zögert nicht lange und schießt genau auf Jachmans Kopf. Ein Ring an Jachmans Hand blitzt auf, und zur Überraschung Baldorims sieht man eine Wunde am Kopf, der Zauberer bleibt er taumelnd stehen, auch wenn sein Bolzen direkt getroffen hat..- ein magischer Schutz schien die Wirkung teilweise abgefangen zu haben.
Linjes Schreie verstummen derweil. Argosch sieht, wie sie all ihre Konzentration aufbringt und den Magier mit einem Blick fixiert. Sie springt auf Jachman zu und schlägt mit ihrer Krallenbewährten Hand nach ihm. Linje fällt einen Entschluss: sie wirft sich ihm entgegen, nimmt ihn in die Arme und sagt ruhig: “Wenn ich brenne, brennst du auch!” Geschickt entwendet sie dem Fremden das andere Buch, wegen dem sie überhaupt in diese Bredoullie gekommen waren, und wirft auch das Richtung Argosch. Das magische Feuer springt sofort auf ihn über. Irion, der nach Baldorims Schuss in das Zimmer gesprungen ist, tötet den Zauberer entschlossen mit einem Schlag auf den Kopf. Die vergangenen Erfahrungen lassen den Gaukler wie einen erfahrenen Soldaten handeln.
Sie sammeln noch schnell alle wertvollen Sachen ein, und Argosch rennt noch einmal in den Gastraum, da Dschelef und Golbronn durch den Boden gesunken waren. Dort findet er sie, auch trauernd vor der Moha, aber der purpurne Nebel hat sich zum größten Teil wieder aufgelöst und so schleppt er beide hinaus zur Kutsche, die jetzt allerdings von ein paar Bütteln umstellt ist.
11.3 – 14 Stunden später
Die ganze Nacht über wurden alle zu den Ereignissen in der Taverne verhört. Wären nicht die Ringe mit dem Herzogssiegel gewesen, wer weiß was passiert wäre.
Erst am späten Morgen bricht die Kutsche auf nach Menzheim. Dschelef, der sonst immer eifrig in seinem Buch studiert hat, sitzt nachdenklich da, den Folianten der Abschwörung fest an sich gedrückt. Als er wieder zu reden bereit ist, erklärt er, dass er von dieser verzauberten Wolke in der Taverne sehr beeindruckt war. Als Irion ihn fragt, was das rote Zeichen auf der Kladde denn bedeutet, hält er kurz inne und sagt, dass es eine Zayad-Glyphe für einen Namen ist, den er lange nicht gehört hat: Borbarad, ein Kriegsname - den sich vor vielen 100 Jahren ein Zauberer namens Tesanius ay Bethania - erst Ziehsohn und später Gegner des großen Magiers Rohals - selbst gegeben hat. Als Linje von ihrem Treffen mit dem Geist von Borbarad bei Dragenfels berichtet, glaubt er ihr allerdings zunächst nicht, sondern versucht andere Erklärungen, nämlich Visionen und Träume, heranzuziehen. Nichtsdestotrotz scheint er beunruhigt.
Bei der Gruppe aus der Taverne um seinen „Lieblingsfeind“vermutet, dass es einfach Anhänger seiner Philosophie sind, denn seit 500 Jahren gibt es überall in Aventurien Schulen und Klöster, die Borbarad verehren. Was sie ausweist ist, dass alle ihre Mitglieder zaubern können. Vielleicht gibt es so eine Sekte hier, die neue Mitglieder anheuert. Nachdenklich dreht er einen schmalen, unscheinbaren Ring zwischen den Fingern, aus einem schwarzen Material mit einem simplen gelben Stein versehen. Bei Linjes fragendem Blick erzählt er, dass er ihn in dem Folianten der Abschwörung gefunden habe.
“Es ist ein Mentorenring, für die Lehrer dieser Gruppierungen.” Er hält ihn etwas höher, damit die Gruppe ihn sehen kann und verfällt in seine Dozentenstimme. “Das Gegenstück dazu ist der Skolarenring und zwischen beiden besteht ein Band. Damit sind Lehrer und Schüler aneinander gebunden und mittels Magie hat der Lehrer größeren Einfluss auf den Schüler.” Sein Blick ruht während seiner Erklärung auf dem Schmuckstück und mehr zu sich selbst fügt er hinzu: “Ich frage mich, warum er ihn abgenommen hat …”
“Vielleicht, weil seine Schülerin keine Schülerin mehr war?”, vermutet Linje, doch irgendwas unterbricht ihren Gedankengang. Dschelef bietet ihr noch an, ihr Zayad beizubringen, damit sie in Zukunft solche Zeichen wie die in der Kladde lesen kann. Sie nimmt das Angebot dankend an.
Da Menzheim noch viele Meilen entfernt ist, aber die Dunkelheit einbricht, wird am Abend des 28. Rahja noch eine Rast eingelegt. Bersk, der seit seiner Vergiftung durchgeschlafen hat, wacht endlich auf, beschwert sich über seinen schmerzenden Kopf und murmelt, dass er nie wieder mit Zwergen trinken wird. Allerdings wundert er sich kurz, warum er gefesselt ist. Als wir ihm berichten, was passiert ist, dankt er uns, sagt aber auch, dass wir in Gefahr sind. Bereitwillig erzählt er, dass er vor ein paar Wochen eine wunderhübsche rothaarige Bardin namens Bolza kennengelernt hat.
Jede Nacht war ein Erlebnis mit ihr und ihre Brüste sind die schönsten auf der ganzen Welt, aber nach einigen Wochen sagte sie, dass es mehr gibt als nur Muskeln. Aufgrund einer Wette mit ihr hat er sich auch diese Glyphe tätowiert. Denn sie, die eigentlich nicht zaubern kann, behauptete, dass sie einen Stein brennen lassen kann. Bersk glaubte ihr natürlich nicht, doch sie schnippte mit den Fingern und ein Stein ging in Flammen auf. Jeder könne das lernen, hat sie gesagt. Sie selbst habe erst vor einiger Zeit das Zaubern gelernt.
“Sie hat mir erklärt, dass man dazu nur vor einem kristallenen Götzen knien und ihn umarmen muss”, erzählt Bersk weiter. “Dann ertönt eine Stimme in deinem Kopf, man opfert ein bisschen Blut und anschließend kann man nicht nur zaubern, sondern auch das da lesen.” Sein Kopf ruckt in Richtung Kladde. “Es klang alles so einfach. Sie wollte mich mit in ein Kloster in der Nähe von Menzheim nehmen. Angeblich gibt es dort eine Prüfung. Wenn man die schafft, kommt man in den ersten Kreis, bekommt einen Lehrer und so einen Ring, der dich als Schüler ausweist. Danach rückt man irgendwie in einen zweiten Kreis und dann kommt man zum Götzen.” Er schaut die beiden Zwerge, den Gaukler und die Hexe nacheinander an und sein Blick sucht nach einer Form von Verständnis. “Wisst ihr, sie ist so hübsch.” Fast entschuldigend hebt er die Schultern. “Sie sagte, dass sich die Mitglieder erkennen, weil sie irgendwo dieses Zeichen tragen und naja, ich dachte, ich steche es mir in die Haut … dann kann ich es nicht verlieren …”
Nun sei er auf dem Weg zu einem Kloster in der Nähe von Menzheim. Auf dem Weg dorthin hat er Jachman, Talah und den beiden Gauklern getroffen. Auch Bersk weiss zu berichten, dass man vor hat, sich am. Praios mit andern in Baliho in der Taverne “Bockiger Esel” treffen um die Leibeigenen dort zu befreien. Die Bardin und auch Lamurdan sind noch dort im Kloster.
“Ich verstehe nicht, warum man so etwas wollen sollte”, murmelt Linje mehr zu sich selbst und ergänzt lauter: “Ich verstehe, wie mit dem eigenen Blut gezaubert wird, wenn man die Gabe hat. Aber einen Götzen umarmen … eine Stimme hören, und plötzlich soll man der Magie mächtig sein? Das klingt für mich irgendwie nicht richtig …”
“Nun schau”, beginnt Dschelef. “Manche Menschen, so wie ich, gehen dorthin, weil dort andere sind, die sie wiedersehen wollen. Wie Bersk seine Borza. Oder Lamurdan, der Zwerg, der ist auch da.” Er nickt kurz in Richtung Argosch und Baldorim. “Andere wiederum sind einfach nur auf Macht aus, denn Magie ist ein mächtiges Werkzeug. Und wieder andere, die wollen nicht nur Macht, sondern sie verfolgen Ziele, für die sie diese Macht brauchen. Wie Jachman.”
Als die Gruppe erzählt, dass sie sowieso auf dem Weg nach Menzheim sind, warnt er sie: Sie sollen vorsichtig sein, wenn sie den Baron von Menzheim aufsuchen, denn er weiß von dem Kloster. Sie einigen sich mit Bersk darauf, ihm seine Fesseln zu lösen, als er beteuert, dass er so weit weg wie möglich von diesem Kult möchte nach dem, was in Altnorden passiert ist.
“Und was ist mit der Tätowierung auf deinem Arm?”
“Von mir aus könnt ihr sie mir entfernen, ich will nichts mehr damit zu tun haben.” Gesagt, getan. Der Mann wird geknebelt und das Hautbild wird ausgebrannt. Nachdem wir seine Wunde verbunden und die Fesseln gelöst haben, sagt er: “Habt dank und wenn ihr jemals nach Prem kommt und die Starkhandotta findet, fragt nach mir … allerdings wird es etwas dauern, bis ich … Sagt, oder habt ihr eine andere Idee? Kennt ihr jemanden, der einen starken Arm gebrauchen könnte?” Die Helden beraten sich. Eigentlich sind alle bis auf Linje dagegen, den Thorwaler mitzunehmen, weshalb letzten Endes mit “Auf deine Verantwortung, Hexe” Bersks Angebot angenommen wird. Sie nehmen ihn mit nach Menzheim.
11.4 – Von Vampiren und Borbaradianern
Am Abend des 29. Rahja erreichen wir endlich Menzheim.
Menzheim hat knapp 1300 Einwohner und wird von der Burg gleich außerhalb der Stadt überragt. Etwa drei Meilen westlich der Stadt ist in den Bergen ein Gebäude zu erkennen. Es soll wohl das Kloster, der „Wahrer der Wahrheit” sein. Heraufziehende Wolken und Donnergrollen verfolgt die Kutsche auf dem Weg zur Burg hinauf. Auch hier öffnet der Ring mit dem Herzogswappen die Tore.
Der Baron ist noch unterwegs und die Baronesse schläft noch, aber wir sind eingeladen, im Inneren zu warten, da draußen ein Sommergewitter seine Aufwartung macht. Während die Zwerge und Irion sich auf das Gespräch vorbereiten, sich besprechen und ihre Rüstung polieren, geht Linje noch einmal hinaus, um die kühlen Wassertropfen an diesem heißen Tag auf ihrer Haut zu spüren. Sie sieht, wie ein Knecht die Pferde in den Stall führt und als sie das Gesicht gen Himmel wendet, erhellt ein Blitz die Burg. Im Burgturm ist die Gestalt einer mächtigen Frau zu sehen. Sie ist kreidebleich, wunderschön, mit schwarz umrandeten Augen und roten Lippen. Hungrig schaut sie auf herab und als sie Linje sieht, nickt sie nur, aber Linje weiß, dass das Zunicken ein Versprechen für die Nacht ist.
Als sie, mittlerweile weiter durchnässt und durch das Erlebnis etwas nachdenklich, zu den anderen zurückkehrt, taucht Igor auf.
“Der Baron ist zurückgekehrt und die Herrin ist erwacht. Sie erwarten Euch beim Essen, gewaschen und gekleidet in weißes Leinen.” Er nickt und deutet auf säuberliche Stapel weißer Hemden, auf denen eine Kette aus Knoblauch und Goldperlen liegt. Als sie genauer hinschauen, entdecken sie oberflächlich das Zeichen des Praios.
“Natürlich, Igor.” Während die Männer noch sprechen, beginnt Linje ganz schamfrei, sich umzuziehen, was den Diener offensichtlich etwas in die Bredouille bringt. Schnell verabschiedet er sich mit einem “Sagt Bescheid, wenn ihr soweit seid.”
Baldorim schaut sich die Ketten etwas genauer an und macht die anderen auf eine Gravur auf der Rückseiter einer Praiosperle aufmerksam: die Borbarad-Glyphe. Baldorim knippst die Perle einfach ab, was die anderen für eine gute Idee halten. Die beiden Zwerge stehen in voller Rüstung bereit, als die vier Helden Igor rufen, aber auf die Kette verzichtet an der Stelle niemand. Zu groß ist der Respekt vor den Geschichten, die sie über Ugreine hörten und der Misstrauen gegenüber eines Mitglieds des Borbaradianer-Ordens. In der Tür zum Speisesaal selbst schaut er aber Argosch und Baldorim noch einmal an.
“Die Waffen müsst Ihr hier ablegen, die Herren.” Er erntet von beiden ein missbilligendes Schnauben. “Es zeugt nicht von guten Manieren, voll gerüstet an einem Essenstisch zu sitzen.”
“Aber Ihr wisst doch sicherlich”, hakt Argosch ein. “… dass es bei uns Angroshim durchaus zum guten Ton gehört, seine Waffen immer in Reichweite zu haben.”
“Ihr stellt sie hier neben die Tür”, antwortet Igor geduldig und deutet auf einen Platz an der Wand. “Wie Ihr seht, ist es vielleicht nicht ganz in Griffreichweite, aber fast.” Die Tafel, auf der festlich gedeckt ist und die von den anwesenden Bediensteten gierig beäugt wird, steht nur ein paar Schritt entfernt. Wenn man schnell genug ist, könnte es funktionieren …
Zu Tisch sitzen bereits der Baron und seine Tochter, und die Helden werden höflich begrüßt, auch wenn Ugreine die Lippen verzieht, als sie die Ketten sieht. Der Baron schaut kurz zu seiner Tochter an und sagt: “Im Namen der Frau Travia heiße ich euch hier willkommen und in meinem Hause wird euch nichts passieren.” In der Ferne ruft wie zur Bestätigung eine Gans.
Linje und Irion, die Ugreine per Handkuss grüßen, merken beide, wie eiskalt die Hand ist. Als Linje sich wieder erhebt, bemerkt die Baronesse: “Euch habe ich vorhin im Hof gesehen, nicht wahr?” Linje nickt: “Und ihr habt im Turm gestanden.” Das Flirten der beiden Frauen ist für niemandem im Raum ein Geheimnis, während Ugreine Irions Charm ignoriert. Baldorim und Argosch begrüßen Ugreine mit dem Rondragruß und sind beide von ihrer Kraft beeindruckt.
Ugreine lässt dabei Kommentare fallen, die Gänsehaut verursachen – beispielsweise betont sie, wie stark, widerstandsfähig und voller sprudelndem Leben Zwerge doch sind, während sie ihnen mit jedem Wort ein Stückchen näher kommt.
Doch die Reaktionen auf die Kälte ihrer Haut entgehen ihr nicht und so erzählt sie, dass es einen traumhaften See am Fuße des Berges gibt, in dem sie vorhin erst schwimmen war und von dem aus ein bestimmtes Kloster gut sichtbar ist. Ihr Vater hakt daraufhin ein und bittet die Gäste zu Tisch, doch Linje fragt: “Und was ist an diesem Kloster so besonders, dass Ihr es erwähnt? Ist es … beispielsweise architektonisch besonders kunstvoll?” Der Baron lacht kurz, schüttelt aber den Kopf.
“Nein, es ist nur … ein wunderbarer Ort, um seine Gedanken zu ordnen. Seht, es gibt dort die Möglichkeit, mit sich allein zu sein, zu meditieren und Gespräche mit den Mitgliedern des Ordens zu suchen.” Im laufenden Gespräch fallen sich Vater und Tochter immer wieder ins Wort und der Gruppe wird schnell klar: auch, wenn die beiden in inniger Liebe verbunden sind, sind sie von gegenteiligen Grundsätzen überzeugt. Auch wird ihnen schnell klar, dass zumindest der Baron seine Gäste vor Ugreine und ihren Machenschaften schützen will, doch scheint es auch, als würde er sie ebenfalls für sich gewinnen wollen. Sie sind zwar keine Feinde, aber es scheint einen Konflikt zu geben.
Die restliche Zeit, in der sie nicht mit ihrem Vater streitet, versucht sie weiterhin Linje zu betören. Der Baron berichtet auch bereitwillig vom Kloster. Es stand lange leer, bis vor einigen Jahren die Draconiterin Hirscha Schlangenblick es wieder aufgebaut.
“Ich habe ihr … nun ja, etwas Unterstützung gegeben.”
“Du hast ihr viel mehr als das gegeben”, raunt Ugreine von der Seite.
“Ich bitte dich, deine Mutter ist seit vielen Jahren tot …”
“Ja, und auch ihr hast du etwas gegeben.”
“Jetzt lass das.” Seine Mine spiegelt deutlich einen Ärger über die Bemerkung, und er lenkt das Gespräch wieder zurück auf die Macht der Meditation und dass das Kloster so ein wunderbarer Ort sei.
Nach dem Essen öffnet der Baron die Depesche des Herzogs. Neben den besten Grüßen schreibt er auch, dass er uns geschickt hat, um das Problem des Barons mit seinen Rinderbaronen zu lösen und die beiden verschollenen Personen, Charissia Boswitz und Hekhab Ganjaneff zu finden. Heischend schaut er Ugreine an.
“Sieh nur, sie sind Detektive und da, um die verschwundenen Kinder zu finden.” Sie tut es nicht, aber Linje schwört, sie hat Ugreine mit den Augen rollen hören. Wie auf Kommando steht sie auf und verabschiedet sich. Sie habe noch ein Treffen mit einem Mitglied ihres Kriegerordens, lädt aber Linje nochmal des Nachts zu See ein. Die Kinder der Rinderbarone sind vor etwa 20 Tagen in den westlichen Hügeln verschwunden im Abstand von etwa zwei Tagen, nachdem sie nachts von den Höfen abgehauen sind. “Was auch immer sie dort wollten …” Die Helden überlegen, dass ein Tag reichte, um dort die Gegend zu erkunden und eventuell mit neuen Erkenntnissen zurückzukehren. Er warnt die Gefährten aber noch, morgen vor dem Sonnenuntergang wieder auf der Burg zu sein, da die Namenlosen Tage anfangen. Nach kurzem Geplänkel lösen die restlichen Personen die Runde auf, doch bei der Verabschiedung bemerkt der Baron: “Verzeiht mir die Frage, ich verstehe, warum der Herzog uns zwei kampfbereite Zwerge schickt. Doch wie seid Ihr zu diesem Auftrag gekommen? Ihr seht nun wirklich nicht wie jemand aus, der regelmäßig am Hof verkehrt.” Linje lacht kurz schnaubend und sagt dann: “Ich arbeite eng mit Gwynna zusammen. Ich gehöre zu ihrem Zirkel.”
“Oh, Ihr seid eine weise Frau des Landes?”
“Weise sei dahingestellt, zumindest bin ich eine Frau des Landes, ja.” Sie grinst.
“Ich bin mir sicher, dass der Zeremonienmeister des Klosters gerne mit einer unserer weisen Frauen reden würde, also …”
Im weiteren Verlauf des Gesprächs erzählt er von Vestor, der Zeremonienmeister dort, würde eine weise Frau wie Linje sicher gerne kennenlernen. Diesen Namen hatte Linje schon zuvor in der Taverne gehört, in dem die Moha starb – er soll dort mit Jachman zusammen gewesen sein. Er scheint von einer inneren Stimme beseelt zu sein, die sehr sehr durchdringend ist.
Mit einem Weinschlauch im Schlepptau ziehen sie sich zurück, um ihre Optionen zu diskutieren.
Unstimmigkeiten in Menzheim IV
12.1 - Der Aufbruch verzögert sich
Schweren Herzens und besorgt stimmt schließlich auch Irion zu, dass Linje der nächtlichen Einladung zum See von Ugreine folgt. Argosch und Baldorim denken zwar auch, dass es gefährlich ist, aber gemeinsam ist Ugreine sicher zu schlagen, sollte sie Linje gefährlich werden. Besonders, dass Irion sich sicher ist, dass die Steineiche als der Rondra heilig gilt, scheint den älteren Zwerg sehr zu beruhigen – hat er doch damals in Trallop auch etwa drei Dutzend Bolzen aus genau diesem Holz gefertigt.
Als die letzten Strahlen der Sonne gerade versiegen und die Gefährten aufbrechen, werden sie jedoch von der verschlossenen Turmtür zum Burghof aufgehalten. Hat der Baron sie einsperren lassen? Da der Entschluss zu gehen schon gefasst wurde, wird nur kurz diskutiert, ob die Tür aufgebrochen, das Schloss geknackt werden soll, oder doch lieber ein Fenster genommen wird. Da hören Linje und Irion Stimmen durch die Tür und lauschen.
„Verdammt ist das Ding schwer.“
“Wir brauchen noch mehr Haare der Mähne im Lasso!”
Es sind die Stimmen einer Frau und eines Mannes – sie klingen vertraut miteinander. Die männliche Stimme scheint … norbardisch zu sein? Linje weist die beiden Zwerge an, ruhig zu sein, nachdem sie ihnen erzählt hat, was vor der Tür vor sich geht – und eilt die Treppe hinauf, um nach einem Fenster oder ähnlichem zu suchen. Durch eine Schießscharte versucht sie heimlich das Geschehen im Burghof zu verfolgen während Irion weiter an der Tür lauscht. Linje erkennt, dass es sich bei den beiden um die Verschwunden Charissia Boswitz und Hekhab Gannjaneff handeln muss. Hekhab mit Glatze und Bart, typisch norbardisch, und Charissa mit kurzen, dunkelblonden Haaren. Beide tragen die typische, praktisch gehaltene Kleidung der Rinderbarone. Sie knien an der Seite eines ausgeweideten Berglöwen und zupfen Haare aus seiner Mähne. Flink flechten sie die Haare in ein Lasso ein. Die beiden sind offensichtlich in Eile. Linjes Blick schweift über die Berittenen, die scheinbar auf das Werk der beiden jungen Erwachsenen warten. Den Baron erkennt sie dank seiner mächtigen Gestalt sofort, obwohl er wie seine Begleiter in eine schwarze Robe gehüllt ist. Die Kapuzen belegen die Gesichter mit tiefen Schatten. Er scheint sehr nervös zu sein und treibt alle immer wieder zur Eile an, bis ein weiterer Reiter – eine eher schmächtige Gestalt – ihn anspricht und beruhigend in die Augen schaut.
Irion hört derweil unten vor der Tür den Satz: „Es ist der richtige Tag, und wir holen sie heute.”
Linje kommt wieder die Treppe herunter und erzählt den anderen, was sie gesehen hat. Als Irion fragt, ob er nicht einfach mal klopfen und nachfragen soll, was vorgeht, entgegnet sie nur “Mach mal”. Er hält die Antwort für Ironie, aber Linje, nachdem Irion nicht reagiert, tritt an die Tür und hämmert laut dagegen.
“Hallo?” Hell klingt ihre Stimme durch die nächtliche Atmosphäre. “Warum ist denn hier abgeschlossen?” Mit entschuldigendem Unterton antwortet Baron Staubhold von Menzheim-Eberstamm: “Ihr müsst die Nacht im Turm verbringen. Wir haben hier etwas … internes zu klären!” Seine Stimme schwankt etwas, als suche er nach den richtigen Worten. “Ich habe dafür sorgen lassen, dass alles, was ihr benötigt, für euch bereitsteht.”
Golbronn erscheint unten an der Tür und sucht mit sorgenvoller Ahnung im Gesicht den Blick seines Meisters. Als dieser ihm zuraunt: “Hol meine Waffen Junge!” nickt Golbronn halb dem Zwerg, halb sich selbst zu und steigt, mit humpelnden Schritten, die Turmtreppe wieder herauf. Linje ist derweil wieder zur Schießscharte geklettert und bemüht sich, so unschuldig wie möglich zu klingen, als sie ruft: “Können wir nicht helfen? Schließlich wurden wir vom Herzog dafür her gesandt.”
Der Baron ist es wahrscheinlich nicht gewöhnt, dass seinen Befehlen nicht sogleich Folge geleistet wird. Er reagiert nun schon deutlich ungehaltener auf Linjes Frage: “Ich befehle euch die Nacht im Turm zu bleiben!” Da legt ihm die schmächtige Gestalt eine Hand auf den Arm und der Baron beruhigt sich wieder etwas.
“Am Morgen wird sich alles aufklären”, ruft der Baron noch und wendet sich dann wieder den Seinen zu. Der Mann an der Seite des Herzogs spricht noch ein paar Worte und vage hört die Hexe, wie der Baron leiser sagt: “Das ist sie. Ich habe euch von ihr erzählt.” Der Schmächtige hebt seinen Kopf und obwohl Linje meint, in den Schatten verborgen zu sein, fällt sein stechender Blick genau auf sie. In diesem Moment rutscht der kleineren Gestalt die Kapuze vom kahlrasierten Schädel. Er hat einen eckigen Kopf, der an verschiedenen Stellen eingedellt ist, als ob man ihn in einen Schraubstock gesteckt hätte. Auffallend ist sein unglaublich stechender Blick und er strahlt ein gewaltiges Charisma aus. Unwillkürlich schritt sie ein, zwei Schritte zurück. Als er zu ihr schaut, raunt er kurz ein paar Worte und scheint dann leicht zu lächeln: “Wir können sie nutzen!”
Hekhab und Charissia sind derweil mit dem Lasso fertig geworden und der Baron ruft zum Aufbruch. Die ersten Reiter sind schon durchs Burgtor verschwunden, als Linje sich aus der Scharte lehnt und beim Blick auf die beiden Rinderbaronskinder ruft: “Sind die beiden da nicht die verschwundenen Personen, die wir suchen sollten?” Mit einem gewaltigen Ruck reißt der Baron den Kopf des Pferdes herum und reitet zurück. Nicht einmal der kahlköpfige Vestor kann ihn diesmal beruhigen. Selbst aus der Ferne sieht man die pulsierende Zornesader auf seiner Stirn als er vom Pferd springt.
“Igor, mach die Tür auf“, brüllt er in den Hof.
Als der Baron mit Wut verzerrtem Gesicht die Tür aufstößt, stehen Argosch und Baldorim unbeeindruckt vor ihm. Linje kommt herunter, bleibt aber auf der Treppe gegenüber der Tür stehen. Der Baron speit die nächsten Worte regelrecht in Linjes Richtung: “Ich bin hier der Herr und ich werde nicht zulassen, dass du mir vor meinen Untergebenen Widerworte gibst. Du wirst dich mir beugen oder ich lasse dich und den Rest von euch morgen mit der Neunschwäzigen die Haut vom Rücken peitschen!” Linje hält seinem Blick bis zuletzt stand, nickt dann aber. Der Baron macht auf dem Absatz kehrt und schmettert die schwere Eichentür mit solcher Kraft ins Schloss, sodass es sie kaum noch in den Angeln hält. “Verschließ den Turm Igor!” Der Diener blickt skeptisch auf die leicht schräg hängende Tür, als sein Herr seinem Pferd die Sporen gibt und in der Nacht verschwindet.
12.2 - Ein See im Schein des Madamals
Nachdem der Baron und seine Gefährten die Burg verlassen haben, sind sich die Abenteurer ein weiteres Mal uneins, wie sie weiter vorgehen sollen. Wenn sie den Turm verlassen, handeln sie gegen den direkten Befehl des Barons. Sollten sie außerdem versuchen Ugreine vor ihren Verfolgern zu warnen oder ihr gar gegen sie zur Seite stehen? Oder sollten sie abwarten was passiert und dann den Jägern und ihrer Beute zum Kloster folgen?
Der tulamidische Magus mischt sich in die Diskussion ein und unterbreitet ein Angebot: “So ihr es wünscht Effendis, könnte ich euch ungesehen und vor allem vor dem Baron und seiner Jagdpartie zum See bringen. Dort könnt Ihr beobachten, was passiert und dann entscheiden ob und gegebenenfalls auf welcher Seite Ihr in den Konflikt eintreten wollt.” Nach kurzer Abstimmung und auch wenn die Zwerge skeptisch wirken, wird Dschelefs Angebot angenommen.
Als sie bereit sind, tritt Argosch kurzerhand die Turmtür aus ihren Angeln. Die drei Wachen, die Igor davor postiert hat, blicken ihn mit vor Schreck geweiteten Augen an und umklammern ihre Waffen. Argosch macht einige breite Schritte auf sie zu und legt dabei die Hände locker auf den schwarzen Äxten an seinem Gürtel ab: “Wir können das hier auf die harte Tour machen, oder ihr streckt einfach eure Waffen und ergebt euch.” Die anderen Gefährten verlassen ebenfalls den Turm und bauen sich vor den drei, immer unglücklicher wirkenden Wachen auf. “Aber der Baron wird uns zu Tode peitschen, wenn wir euch gehen lassen!” Irion hat Mitleid mit dem jämmerlichen Bild, dass die drei abgeben: “Sagt eurem Herrn einfach, dass wir euch überwältigt haben.” Als sie immer nocht nicht gänzlich überzeugt wirken, blickt er noch einmal in die Runde und sagt: “Ihr sagt ihm, ihr wurdet mit Hilfe von Magie bezwungen, mächtiger Magie!” Kurz darauf liegen die Drei gefesselt und geknebelt im Hof und die Helden machen sich bereit zum See aufzubrechen.
Golbronn soll derweil die Kutsche, die Pferde und einen Großteil der Ausrüstung mitnehmen und drei Meilen südlich von Menzheim an der Reichsstraße auf sie warten. Wenn er bis zum Mittag nichts von ihnen hört, soll er nach Barken im Süden weiterreisen und dort die Namenlosen Tage abwarten.
Dschelef hat vier kleine Wirbelwinde herbeigerufen. Linje steht davor und streicht lächelnd über die aufgewühlte Luft. Sie ist davon überzeugt, dass es sich um Elementare handelt. Der Magus stellt sie als seine Freunde vor und sagt, man müsse höflich mit ihnen umgehen. Irion geht auf einen von ihnen zu und spricht ihn mit gewohntem Charme an: “Guten Tag Freund, mein Name ist Irion Durenal und mit wem habe ich die Ehre?” Scheinbar hat er den richtigen Ton getroffen. Der Elementar umschmeichelt geradezu seinen Körper: “Ich bin Alhima und es wird mir eine Freude sein, dich zu tragen!” Im nächsten Moment hebt sie ihn sanft in die Höhe. Selbst die Zwerge werden kurz darauf von je einem Luftgeist angehoben. Linje steigt in ihre Kiepe und zusammen fliegen sie auf direktem Weg zum See. Sie überholen den Baron mit seinen Reitern und als sie am See ankommen, liegt dieser spiegelglatt unter ihnen. In das ansonsten kreisrunde Gewässer ragt von Südosten eine Landspitze ins Wasser, die zur Seemitte hin ansteigt. Dort, an der Spitze, sitzt Ugreine in leichter Kleidung, die Rüstung hinter sich abgelegt, im Schneidersitz und balanciert ihren mächtigen Zweihänder vor sich auf den Händen. Bei genauerem Hinsehen bemerken die Helden, dass der Kriegerin Tränen über die Wangen laufen und eine seltsame Atmosphäre liegt um sie. Die Helden wissen nicht genau, warum, aber es lässt sie an eine Verabschiedung denken – wovon bleibt allerdings unklar.
Ugreine blickt in den dunklen Wald, der das Ufer säumt und lächelt kurz in Richtung des nordwestlichen und des nordöstlichen Ufers. Dabei entblößt sie ihre, im Mondschein glänzenden, bleichen, mächtigen Reißzähne von bestimmt jeweils zwei Finger Länge. An den Stellen, an die sie geblickt hat, meinen die Gefährten einmal eine Fledermaus und einmal einen Wolf zwischen den Bäumen ausmachen zu können.
Die Gruppe verabschiedet sich von den Luftelementaren. Irion ist ein wenig betrübt, dass Alhima ihn nun schon wieder verlassen soll und bedankt sich herzlich für ihre Dienste. “Um dich zu tragen, hätte Dschelef gar keinen Gefallen einfordern müssen. Für dich hätte ich es auch so getan!” Irion meint noch einen flüchtigen Kuss auf der Wange zu spüren, doch dann ist sie verschwunden.
Die Gefährten warten. Nach einiger Zeit hören sie, wie sich von Norden ein Pferd nähert. Darauf sitzt eine ihnen bisher unbekannte Frau. Der Mantel um ihre Schultern wirkt ähnlich wie der, den Linje trägt und unter der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze fallen ein paar Strähnen blondes Haar hervor. Wer sie nicht kennt, hätte diese Frau wirklich für die Hexe halten können. Kleiner zwar und etwas kurviger, und doch … Statt einer Kiepe allerdings trägt sie eine Laute auf dem Rücken und so wird spätestens auf den zweiten Blick klar: es muss sich um Bolza, die Instrumentenbauerin handeln, der Bersk verfallen ist.
Als sie sich nähert, liegt unüberhörbarer Hunger in Ugreines Stimme als sie Bolza anspricht: “Du bist gekommen.” Sie wirkt wie ein ausgehungertes Raubtier, das sich nur mühsam zurückhalten kann. Bolza steigt vom Pferd und ruft mit sanfter Stimme: “Komm her zu mir Ugreine. Folge mir.” In diesem Moment hört man von Norden einen Wolf heulen, er klingt beunruhigt. Kurz darauf erscheint die Fledermaus brennend und sich wiederholt selbst entzündend über dem See. Sie kreischt in Todesangst, bevor sie in einem letzten Feuerball vergeht.
“Wer bist du?!” fährt Ugreine Bolza an und die Spitze ihres Schwertes kreischt, funkensprühend, über den Stein zu ihren Füßen, als sie das mächtige Schwert in einer fließenden Bewegung zwischen sich und die kleine Frau bringt. Weitere Reiter nähern sich von Norden. Ihre Augen und die ihrer Pferde glühen rot. Von hinter ihnen dringt das Knurren und Jaulen eines Wolfs durch den Wald. Plötzlich verstummt es und man hört entfernt eine Männerstimme triumphierend rufen: “Weißdorn/Eiche hat gewirkt!”
Der Baron, Vestor und Charissia, die das Lasso in einer Hand hält, reiten zu Bolza. Die Stimme des Barons trägt mühelos über den See als er ruft: “Jetzt werden wir dich heilen, ob du willst oder nicht!” Voller Wut speit die Angesprochene zurück: “Das waren meine Kinder, Vater!” – “Das waren nicht deine Kinder, das waren deine Opfer!”
Carissia nutzt, dass Ugreine durch ihren Vater abgelenkt ist und wirft das Lasso. Trotz der Ablenkung hebt die Vampirin ihr Schwert zwischen sich und die anfliegende Schlinge. Im gleichen Moment springt der Baron auf sie zu. Mit einer unnatürlichen Schnelligkeit überholt er das fliegende Lasso und wirft sich auf seine Tochter. Ugreine versenkt ihre Vampirfänge in ihrem Vater und reißt ihm ein klaffendes Loch in den Hals. Einen Wimpernschlag später schließt sich die Schlinge um ihren Hals. Augenblicklich verliert ihr Körper jede Spannung und sie sackt in sich zusammen. Der Baron hält sich röchelnd den Hals aus dem Blut sprudelt. Mit flehend erhobener Hand wendet er sich Vestor zu, der ebenfalls vom Pferd gestiegen ist und sich nähert.
In ihrem Versteck werden sich die Gefährten einig, dass sie, so sie denn Eingreifen wollen, jetzt der Moment dafür gekommen ist. Linje startet in ihrer Kiepe, Argosch und Irion rennen los um den See zu umrunden. Baldorim hat schon länger seine Arbalone auf die Landspitze gerichtet. Er nimmt Vestor ins Visier und drückt ab. Er trifft den Magier schwer in den Arm, den der gerade dem Baron entgegenstreckt. Daraufhin scheint Vestor erst einmal sich und nicht den Baron zu heilen, indem er den Inhalt einer Phiole über seinen verletzten Arm gießt. Als nächstes weist er Bolza an dem Baron die Kehle zu durchschneiden, damit er sich nicht in einen Vampir verwandelt. Danach wendet er sich in Richtung seines Pferdes. Er murmelt noch etwas und die Luft hinter ihm scheint für einen Moment zu flimmern. Carissia ist derweil damit beschäftigt, die fast regungslose Ugreine am Lasso hinter sich her in Richtung der Pferde zu ziehen.
Linje erreicht fliegend die Landzunge und schießt einen Pfeil auf Charissia. Als Antwort zieht diese einen Wurfdolch, der in ihrer Hand in Flammen aufgeht, und wirft ihn nach Linje. Der Dolch fliegt aber an der Hexe vorbei. Linje landet und wendet sich dem Baron und Bolza zu. Die junge Frau scheint nicht richtig entschlossen den Baron zu töten – Linje merkt, dass ihr der Auftrag nicht leicht fällt. Doch sie weiß, dass sie es tun muss und so steht sie zaudernd vor dem blutenden Mann. Linje will sich zum Hals des Barons herunterbeugen, wird aber von Bolza gehindert, die versucht sie zu verscheuchen. “Er wird zum Vampir, wenn ich ihn nicht töte!” - “Nur wenn er stirbt!” gibt Linje zurück, aber die Instrumentenbauein wirkt nicht überzeugt. Zum Schein geht Linje auf Bolza ein, sie hebt die Hände und deutet einen Schritt rückwärts an. Als sich die Thorwalerin daraufhin etwas entspannt, spuckt Linje dem Baron auf den Hals und beginnt ihn zu heilen. Bolza schaut sie dabei entsetzt an und sagt: “Du musst ihn wirklich hassen, wenn du ihn jetzt noch anspuckst.”
Nach leichten Schwierigkeiten im Unterholz erreichen Irion und Argosch die Landzunge. Sie erkennen sofort, dass sie keine Sekunde mehr verlieren dürfen. Vestor ist dabei, sein Pferd zu besteigen und von Norden nähern sich die drei Reiter, die während der Geschehnisse auf der Landzunge Ugreines Gefährten umbrachten. Einer spontanen Eingebung folgend, ruft Irion den Luftelemtar an, der ihn zum See brachte. Und tatsächlich, einen Augenblick später umschmeicheln ihn wieder dessen Luftarme.
“Bitte hilf mir, wir müssen diesen Magier stoppen!” Augenblicklich wird Irion wird von Alhina in die Luft gehoben. Sie bringt ihn direkt über Vestor und lässt ihn los. Ein kräftiger Schlag mit Irions Gliederstab zerschmettert dem Magier die halbe Hand und lässt ihn zurücktaumeln. Einen Augenblick später hüllt sich Vestor jedoch in graues, magisches Wabern und ist nicht mehr zu sehen.
Argosch flucht derweil, er ist immer noch zu weit entfernt, um etwas ausrichten zu können. Da fällt ihm der Ring wieder ein, den sie Jachman abgenommen haben. Er dreht ihn und spürt wie seine Glieder sich mit einem Mal wieder so schnell bewegen wie damals inder Roten Sichel, im Kampf gegen das Echsenmonster aus Selem. Er rast den anreitenden Pferden entgegen und schlägt mit zwei blitzschnellen Hieben zwei ihrer Reiter aus dem Sattel. Der Dritte, offensichtlich ein Mann des Barons, treibt sein Pferd auf die Landzunge, um seinem Herrn zu Hilfe zu eilen.
Auch Baldorim hat es endlich zur Landzunge geschafft. Kurzerhand legt er auf Charissia an, die immer noch damit beschäftigt ist Ugreine zu den Pferden zu ziehen. Er trifft den Arm um den sie das Lasso gewickelt hat. Mit einem spitzen Schrei lässt die Rinderbaroness das Seil los. Argosch war auch schon auf dem Weg zu ihr und nimmt das Lasso auf. Kaum hatte der Zug nachgelassen, hatte Ugreine ihr Chance gewittert und trotz der Schwäche, die das eingeflochtene Löwenhaar bei ihr auslöst versucht, die Schlinge von ihrem Hals zu entfernen.
Irion weigert sich, den Kampf gegen Vestor verloren zu geben und springt, sich ganz auf sein Gehör verlassend, mitten in das magische, graue Wabern, das nun vom Magier ausgeht. Leider bekommt er den Magus knapp nicht zu fassen, der ihn daraufhin mit einem Zauber blendet: Es zuckt ein heller Blitz durch Irions Geist. Helle Lichter vernebeln ihm die Sicht, als er blindlings nach dem Magier schlägt. Zu seinem Glück merkt er nicht, dass er dabei nur fingerbreit an einem Limbustor vorbei taumelt. Im nächsten Moment sind das Wabern und auch Vestor verschwunden.
Der Wachmann des Barons springt vom Pferd und versucht die Blutung seines Herrn zu stillen. Zusammen ist es ihm und Linje ein Leichtes, Bolza vom Baron fernzuhalten. Linje kann die Wunde schließen und dem Baron so nicht nur das Leben retten, sondern, zumindest für den Moment, auch verhindern, dass er zum Vampir wird.
Charissia versucht zu fliehen, wird aber von einem Bolzen in ihrem Bein aufgehalten. Sie und Bolza werden gebunden.
Argosch trägt Sorge, dass sich die Vampirin nicht wieder befreit. Sie redet auf ihn und dann besonders auch auf Linje ein, sie sollten sie befreien. Sie kann aber nicht verhindern, dass ihr mit dem Lasso auch noch Arme und Beine gebunden werden.
Baldorim sagt, dass man sie alle in das dunkelste Loch der Burg werfen sollte und dann der Herzog entscheiden wird, was aus ihnen wird. Der Wachmann des Barons ist entsetzt und zetert, dass man zurecht die beiden Kultisten in den Kerker werfen könne, aber sein Herr SEI in Menzheim das Recht! Daraufhin zieht Linje den Ring des Herzogs aus der Tasche. Als der Wachmann das Siegel erkennt, wird er bleich und fleht die Gefährten an, sein Unwissen zu verzeihen.
12.3 - Der Borbaradianerbaron und die Vampirbaroness
Als sie wieder auf der Burg sind, werden Carissia und Bolza in den Kerker gesperrt. Charissia droht bis zuletzt damit, was ihre Eltern den Gefährten alles antun werden. Und jeder von ihnen verschwendet den ein oder anderen Gedanken daran, was “die Oberen” wohl von ihrem Tun halten werden. Sie haben sich immerhin mit jeder Familie angelegt, die hier in der Gegend etwas zu sagen hat.
Auch der Baron und seine Tochter werden in ihren Privatgemächern festgesetzt – natürlich erst, nachdem diese ausgiebig nach Geheimtüren und dergleichen durchsucht wurden. Als der Baron wach wird, wird er über das Geschehene aufgeklärt und befragt, was er über das Treiben der Borbaradkultisten weiß. Er streitet rundheraus ab, dass das Kloster mit einem Borbarad in Verbindung stehen könnte. Es sei ein Draconiterkloster, wie jeder wisse, in dem sehr gebildete Menschen sich treffen um gemeinsam Wissen auszutauschen und zu meditieren. Er berichtet bereitwillig wer sich alles in dem Kloster befindet und wirkt ehrlich bestürzt, als er erfährt wie viele derer die Gefährten schon auf dem Gewissen haben. Für die Helden ist dagegen wichtig zu erfahren, dass sich jetzt nur noch drei voll Initiierte im Kloster befinden dürften. Lamurdan der Zwerg, Vestor der Magier und die Draconiterin Irscha. Daneben gäbe es nur eine Handvoll Novizen und Diener. Nichts desto trotz wirkt er zumindest auf Linje tatsächlich so, als wisse er nichts von den tatsächlichen Machenschaften.
Der Baron kann dagegen nach wie vor keinen Fehl an den Menschen im Kloster sehen. Im Gegenteil, sie seien sogar so offen gewesen, dass er mit ihnen darüber sprechen konnte, was mit seiner Tochter passiert ist. Vor einiger Zeit hatten sie eine Möglichkeit, ein Ritual entdeckt, das Ugreine heilen könnte. Jetzt, während der kommenden Namenlosen Tage, sei es möglich, sie zu retten, da ER dann nah sei. Die Helden sprechen ihn auf die Borbaradglyphe auf den Ketten an.
“Das B? Das steht für Bethana, denn dort wurde der Orden gegründet?”
“Wie in Tharsonius von Bethana?”
“Wer soll das sein?”
Sie erzählen ihm von Borbarad. Von dem, was sie in der Roten Sichel erlebt haben und, dass die so ehrenhaften Mitglieder des Inneren Zirkels teilweise lieber kaltblütig töten, als zuzulassen, dass Neuzugänge Außenstehenden zu viel erzählten.
Nach all ihren Erklärungen können sie den Baron zumindest soweit überzeugen, dass er nicht mehr kategorisch ausschließt, dass es sich bei den Führern des Klosters um versteckte Kultisten halten könnte. Wovon er sich nicht abbringen lässt, ist die Hoffnung, dass sie trotz allem eine Heilung für Ugreine gefunden haben könnten. Auch Dschelef will nicht ausschließen, dass es möglich ist. Der Baron schwört, er werde jeden Kultisten im Kloster persönlich richten, sollte das Versprechen auf Heilung seiner Tochter eine Lüge gewesen sein. Sollte es aber auch nur den Hauch einer Möglichkeit geben Ugreine zu retten, dann fleht er die Gefährten schon fast an, dann müssten sie es versuchen.
Als die Gefährten zu Ugreine gehen, tritt auch sie ihnen offen gegenüber. Trotz der offensichtlichen Schmerzen, die ihr das Lassoseil bereitet, erzählt ihnen wie sie vor drei Götternamen entführt wurde und dann einem hünenhaften Ritter in einer Gestechrüstung aus der Zeit der Priesterkaiser und einer wunderschönen weißen Frau gegenüberstand. Er sei Walmir von Riebeshoff – wer die vollkommene, weißhäutige und weißhaarige Frau war weiß sie nicht. Von Riebeshoff war nicht offenbar nicht begeistert von der Idee Ugreine zu einem Vampir zu machen. Im Gegensatz zur weißen Frau, ist er besessen von IHM, aber ein alter Pakt werde nicht mehr gewürdigt.
Im Anschluss haben die beiden ihr dann erklärt, was aus ihr geworden sei und dass sie nun den Fluch der Göttinnen Rondra und Rahja trägt. Danach ist sie eine Zeit ziellos umher gewandert, beherrscht von Gefühlen, die sie so nicht kannte: Aggression und Hunger. Sie habe nie bewusst jemanden geschadet. Sowohl Ulf als auch der ehemalige Gehilfe von Dschelef seinen Unfälle gewesen. Letzteren hat sie gemocht. Sie wusste nicht, dass sie auch durch das Liebesspiel andere zu Vampiren machen würde. Das heißt es wohl, dass auch Rahja sie verflucht hat. An einen Ulf erinnert sie sich kaum.
Vor zwei Götternamen war dann zum ersten Mal dieser wunderschöne weiße Drache gekommen und hat sie an einen weit entfernten Ort gebracht. Dort hat die weiße Frau sie über einem Kessel ausweiden und ausbluten lassen – Ugreine nennt “melken” und Ugreine war sich nicht sicher, was sie genau in diesem Kessel gesammelt haben. Dschelef dagegen wurde bei diesen Worten ganz ungeduldig und raunt Linje zu, dass das vermutlich die Zutat ist, die ihm zum Ritual fehlt. Parallel berichtet die Baroness mit heiserer Stimme weiter, dass ein Götternamen später der weiße Drache ein zweites Mal kam und brachte sie diesmal zu einem Magierturm hier in Weiden. Jedoch war es nicht derselbe Drache wie beim ersten Mal und den Helden war schnell klar: sie schickte Avalon. Dieses Mal war die weiße Frau nicht an der Zeremonie beteiligt: der Drache hat sie alleine gemolken. Übermorgen sei es wieder soweit.
Von den Gestalten im Kloster hält Ugreine gar nichts. Sie glaubt auch nicht, dass sie ernsthaft in der Lage sein könnten ihr zu helfen und dass es möglich ist, den Fluch zu brechen. Dschelef lauscht dagegen angespannt ihrer Erzählung vom Melken und dem großen Kessel. Mit leuchtenden Augen erklärt er dann, dass das durchaus die Lösung sein könnte. Das Ritual, den Fluch zu lösen, hat er schon fast rekonstruiert.
“Es werden viele dieser Wesen dort … nun, gemolken. Damit könnte es genug sein!” Als die Vampirin hört, dass sowohl Linje als auch Dschelef es für möglich halten, das Ritual durchzuführen, glimmt ein Funken Hoffnung in ihren Augen auf.
Als die Helden Ugreines Zimmer verlassen, schwirrt ihnen der Kopf. Allein Baldorims Gesichtsausdruck ähnelt dem Dschelefs. In ihren alten, faltigen Gesichtern erkennt man eine Mischung aus hochkonzentrierter Anspannung und fast extatischer, an Wahnsinn grenzende Vorfreude.
Unstimmigkeiten in Menzheim V
13.1 – Pläne …
Das leicht wahnsinnige Funkeln in Baldorims Augen hatte sich auch beim Frühstück am nächsten Morgen noch nicht wieder gelegt, als er seinen groben Plan schon einmal schnell vorstellt und sich Anregungen seiner Gefährten holt: Zuerst soll Ugreine geheilt werden. Dazu folgen wir ihr zu dem Turm und besorgen die Zutat, welche Dschelef für das Ritual fehlt. Erst danach wird sich um das Kloster gekümmert.
Ugreine hat die ganze Nacht mit dem Löwenseil gefesselt in ihrem Zimmer verbracht und es ist ihr anzusehen, dass es keine gute Nacht war. Sie hat kaum geschlafen, denn das Löwenseil brennt sich kontinuierlich in ihre Haut. Trotzdem erzählt sie bereitwillig alles, was sie weiß. Das Versprechen einer möglichen Heilung hat sie leicht hoffnungsvoll gestimmt.
Der Drache bringt mehrere Vampire zu den Turm, wo diese von einem Magier, im Mangel eines besseren Wortes, geschächtet werden.
Der Magier ist uralt und gleichzeitig jung, er hat einen strengen Blick, eine scharfe Nase und schütteres Haar. Er sieht wie ein Weidener aus, auch wenn er den Dialekt nicht spricht.
Linje glaubt, ihn einmal am Balihoer Hofe des Grafen Avon Nordfalk von Moosgrund getroffen zu haben, wo er sich als Tarqathul vorgestellt hat. Vermutlich war er Ende 50 als er verstarb und zu einem Wesen der Nacht wurde. Der Graf, erinnert sich Linje, war derjenige, der von den Gegnern des Herzogs als vermutlicher Gegenherzog aufgestellt werden könnte.
Außerdem hat sie schon einmal von diesem Magier gehört, denn obwohl die Hexen sehr eitel in der Definition von Hexenküche und Alchimie sind, schätzt selbst Gwynna sein Wissen sehr. Allerdings ist er auch ein hochgradiger Feigling. Sie hat auch gesagt, dass Tarqathul schon sehr lange lebt, was sehr merkwürdig ist in ihren Augen, aber sie hat nie angedeutet, er könne ein Vampir sein – tendenziell hat Gwynna selbst es gar nicht wahrgenommen.
Als Ugreine das letzte Mal von dem Drachen geholt wurde, hatte sie keine Wahl. Es war, als ob sie einen Befehl bekommen hätte, dem sie folgen musste. Im Turm hat der Magier auch jedes Mal, wenn er Anweisungen gab, seine Hand um ein Amulett geschlossen, das an seinem Hals hing.
Mit diesen Informationen begann sich ein Plan zu formen. Die Annahme Baldorims ist folgende: Da Tarqathul Magier ist, wird er wohl Hesindeverflucht sein, und somit sollte Ulmenholz gegen ihn wirken.
Dschelef, der erzählt hat, wie kompliziert das Ritual ist, hat gesagt, dass er es hier durchführen muss und er wenigstens die Essenz von drei solcher Vampire braucht. Das Ritual funktioniert auch wirklich am besten in den Namenlosen Tagen, denn während des Rituals muss er mit etwas verhandeln, dass Ugreines Seele besitzt.
Allerdings beruht der ganze Plan darauf, dass Ugreine die Gruppe nicht verrät, und von Linje einmal abgesehen, auch die Anderen der Baronesse vertrauen. Zumindest der alte Zwerg wirkt alles andere als überzeugt und schlägt darum auch vor Ugreine mit dem Löwenseil zu fesseln, bis sie gerufen wird. Linje dagegen sieht keinen Grund für solche Grausamkeit und gibt zu bedenken, dass die Brandmale, die das Seil auf Ugreines Haut hinterlässt, dem Drachen auffallen könnten. Die Baronesse verneint das allerdings und stimmt Baldorim zu.
“Ich schwöre bei … ”, beginnt die Kriegerin, bricht ab und ihre Stimme wirkt leiser, als sie fortfährt: “… auch wenn ich fürchte, dass meine Götter mich im Moment nicht erhören. Linje, nimm mir das Seil ab, und Irion: halte dich bereit, es mir wieder umzulegen und schaut, was passiert.”
Etwas unsicher tritt Irion hinter Ugreine und zögert, während Baldorim sich mit seiner Balästra bereithält. So ist es Linje, die vor der Verfluchten steht, ihr das Seil abnimmt und Irion reicht. Sofort beginnen sich die Wunden am Hals, den Armen und Beinen zu heilen, während diese Linje liebevoll in die Augen schaut. Nichts scheint zu geschehen für einige Sekunden, nur Linje spürt, wie sie immer mehr Lebenskraft verliert, sodass sie nach kurzer Zeit ihren Arm hebt, und Irion der Vampirin wieder das Löwenseil anlegen kann, ohne dass diese sich wehrt.
“Ihr seht nun, es war nie meine Absicht euren Gefährten zu verwandeln”, sagt sie entschuldigend zu Dschelef. “… aber ich bin Rahjaverflucht. Ich wusste nicht, was mit ihm passieren wird. Und solange ich das bin, was ich bin, werde ich immer eine Gefahr für euch sein!”
“Also binden wir sie bis zum letzten Moment!” raunt Baldorim, aber hinter seinen zotteligen Brauen scheint fast so etwas wie Mitleid in seinem Blick zu liegen.
Dschelef nickt traurig und verstehend. “Ich werde wieder Windelementare herbeirufen, damit sie euch tragen. Scheinbar hat eines der Täubchen an jemanden von euch gefallen gefunden - es sollte einfach sein, sie zu überzeugen.“ Er blickt Irion zwinkernd an.
Die Planungen gehen noch eine Weile weiter. Ugreine berichtet noch vom Aufbau des Turms. Beim letzten Mal, als sie im Turm war, waren noch fünf andere Vampire da, unter anderem auch Ulf (und Dschelefs Begleiter - macht leider keinen Sinn - geredcont). Da die beiden tot sind, sind es diesmal vielleicht nur noch drei. Die Schächtung hatte jeweils gut 100 Herzschläge gedauert.
Als das Gespräch jedoch thematisch zu dem Drachen kommt, drängt sich Unmut in die Diskussion. Linje will mit dem Drachen, der wahrscheinlich Avalon ist, reden, hat aber das Gefühl, dass es Argosch und Baldorims erstes Ziel ist, diesen zu erschlagen.
Auch nachdem sie sagen, den Drachen nicht anzugreifen, solange es nicht nötig ist und Irions Versprechen, wirklich nicht mit einem Drachen kämpfen zu wollen, überzeugt Linje nicht. Im Streit gehen sie auseinander, und die nächsten zwei Tage vergehen sehr still.
13.2 – … die man schmiedet
In der zweiten Nacht schließlich, wie von Ugreine angekündigt, greift sie nach dem Seil und versucht es von sich zu reißen. Irion löst es ihr, und Ugreine springt ohne zu zögern aus dem Fenster hoch im Turm.
In einigen hundert Metern Entfernung ist ein weißer Drache zu sehen, der drei Körbe trägt. Als Ugreine ihn erreicht, hebt er ab, und getragen von den Windelementaren fliegt die Gemeinschaft hinterher.
Die Djinne sind klug genug, dem Drachen nicht zu nahe zu kommen, und bald merkt Linje, dass sie nicht auf dem Weg zu Nachtschattens Turm sind, sondern auf ein bewaldetes Gebiet zu fliegen, wo die Quelle die Pandarils sein muss.
Avalon landet neben einem kleinen dreigeschossigen Turm, lässt von den Körben ab und wirft sich direkt in das Flüsschen, das am Turm vorbei fließt. Die Wärme des weidnischen Hochsommers scheint ihm sehr zu schaffen und ein bisschen Abkühlung ist ihm wichtiger, als was um ihn herum passiert.
Zu unterschiedlichen Fenster infiltrieren die Gefährten den Turm. Als Linje und Baldorim auf den Fenstersimsen im obersten Stockwerk auftauchen, sehen Sie in dem Raum den Magier, Ugreine und noch drei weitere Gestalten, die gebückt vor dem Magier stehen. Als Tarqathul die Gestalten in den Fenstern bemerkt, fragt er weniger überrascht, sondern eher wie ein Hausherr: “Wer seid ihr, was wollt ihr hier?“
Ohne zu antworten, legt Baldorim mit seiner Armbrust auf das Amulett an, welches der Zauberer um seinen Hals trägt. Es sieht aus wie ein Gestrüpp, als ob man irgendeinen Kram zusammengebunden hat, vollkommen unsystematisch, aber man erkennt Holzperlen, Federn und andere pflanzliche und tierische Materialien. Irion, der sich eine Etage tiefer in den Turm hat bringen lassen, rennt die Treppe herauf und wirft mit einem Wurfstern auf das Gesicht des Magiers. Dieser zuckt kurz zurück, als der Wurfstern ihm von der Lippe zur Backe das Gesicht verletzt, aber es wächst in Sekundenbruchteilen wieder zusammen.
Tarqathul ruft: “Fresst sie!”, und die Vampire – außer Ugreine – springen auf Argosch zu, der direkt vom Fenster auf den Magier zugerannt war. Die verbündete Vampirin steht derweil zitternd da und versucht gegen die Befehle des Magiers anzukämpfen. Irion versucht ihm das Praiosamulett über den Kopf zu ziehen, aber Tarqathul weicht gewandter aus, als man es von seinem Aussehen her erwarten könnte.
Baldorim nutzt die Gelegenheit und sein Bolzen trifft das Amulett des Magiers. In einer unnatürlichen Geschwindigkeit blendet der Magier Baldorim mit einem Zauber, führt einen Fausthieb auf Irion aus und befiehlt den Vampiren nochmal anzugreifen. Es gelingt Linje, Ugreine zu beruhigen, die kurz davor stand, sie anzuspringen und ihr den letzten Kuss ihres Lebens zu geben. Stattdessen springt sie den Magier an und die beiden fangen an, sich gegenseitig zu beißen. Diese Ablenkung nutzt Irion, um diesmal erfolgreich dem Magier das Praios-Amulett umzulegen. Als er ruft, dass Ugreine verschwinden soll, folgt diese sofort, und er dreht das Amulett.
Ein goldenes Leuchten, das alle blendet, und Himmelschöre erfüllen den Raum. Tarqathul sackt entkräftet zusammen. Ein Pfeil von Linje auf den Kopf lässt ihn endgültig zusammenfallen. Da hören auch die anderen Vampire auf uns anzugreifen.
Irion nimmt Tarqathul das Amulett ab, und dieser verhält sich auf einmal sehr höflich und zuvorkommend. “Es muss ja keiner hier zu Schaden kommen.”\\
Er zögerte auch keine Sekunde, nachdem wir ihm erklärt hatten, was wir benötigen, um uns zu helfen. Bevor er den ersten Vampir schächtet, verwandelt sich sein Fingernagel zu einer Kralle, die er nutzt um den Vampir aufzuschlitzen. Dies macht er bei allen dreien, die danach vollkommen geschwächt und fast regungslos am Boden liegen bleiben.
Er berichtet uns stolz, dass er dieses Destillat selber kreiert hat. Als Linje versucht, das Theriak abzuschöpfen, schreitet er schnell ein, denn sie hat wohl etwas nicht richtig gemacht. Er schöpft es selbst ab und arbeitet dabei mit schlafwandlerischer Sicherheit. Zurück bleibt nur eine dunkle feste Masse am Boden des Kessels.
13.3 – … versagen beim ersten Feindkontakt.
Avalon hat derweil nichts von dem Kampf mitbekommen. Er wälzt sich noch im Flüsschen. Er erinnert dabei an einen Hund, der sich in einer Pfütze kühlt. Es könnte beinahe niedlich wirken, wenn er dabei nicht an einem menschlichen Kadaver herumkauen würde.
Ohne Widerspruch erschlägt Argosch die drei ausgebluteten Vampire. Als Irion heimlich fragt, ob wir auch den Magier töten sollten, nickt Baldorim kräftig, blickt aber zu Linje. Linje zögert.
Tarqathul spricht darauf: “Das müsst ihr nicht. Ich habe seit hunderten Jahren niemanden jemanden zu einem Vampir gemacht. Ich bin Vampirvegetarier. Ich hole mir die Kraft aus den umliegenden Bäumen.”
Während sich die Gefährten noch unsicher anschauen, spricht er weiter. “Transversalis Teleport” und ist verschwunden.
Irion will die Chance nutzen, heimlich zu verschwinden. Sie haben alle Materialien für das Ritual und Avalon hat sie nicht bemerkt. Selbst Baldorim erklärt sich, wenn auch mit sichtbarem Widerwillen, bereit zur Burg zurückzukehren, ohne den Drachen anzugreifen. Linje hingegen will mit Avalon reden, um noch mehr Informationen über die Eishexe und die Vampirplage herauszufinden.
Da sie Linje auf keinen Fall alleine zu Avalon gehen lassen wollen, wird entschieden, ihn zum Fenster zu rufen. Baldorim steht mit seiner Arbalone an der gegenüberliegenden Wand bereit – zur Sicherheit. Er verspricht auch noch einmal nur zu schießen, wenn Avalon uns angreift.
Linje tritt mit Irion ans Fenster und ruft Avalon. Der ist nicht sehr gut gelaunt. Seine Stimme ist missmutig, als er sagt: “Was wollt ihr hier? Ich habe gesagt, das nächste Mal, wenn wir uns sehen, töte ich euch.”
“Wir wollen nur reden Avalon. Dieser Auftrag als Lastenträger ist doch entwürdigend für einen Drachen wie dich. Wir haben dich davon erlöst. Du kannst den Auftrag nicht mehr ausführen, schau nur”, und Irion winkt ihm zum Fenster. Avalon erhebt sich aus dem Flüsschen und fliegt zum Fenster. Als er den Kopf hineinsteckt, um zu schauen, was passiert ist. Trotz seiner anderslautenden Versprechen, kann Baldorim sich diese einmalige Gelegenheit dem Drachen ein Ende zu machen einfach nicht an sich vorbeiziehen lassen und schießt eine Ampulle mit Bannstaub auf Avalon. Er trifft diesen genau in eines seiner handteller großen Nasenlöcher.
Es gibt einen Moment Stille, wo jeder wie festgefroren zu sein scheint. Dann heult Avalon laut auf und fällt langsam rückwärts die 8 Schritt den Turm hinunter.
Resigniert springt Irion auf die Brüstung des Fenster und dann Avalon hinterher auf den Kopf und zerbricht eine weitere Ampulle mit Bannstaub auf seinen Nüstern. Avalon ist dadurch seiner gesamten magischen Kraft beraubt. Baldorim hat sich derweil seine Balestra gegriffen, rennt ebenfalls zum Fenster und schießt vom Turm einen weiteren Bolzen, der Avalon sein rechtes Auge zerstört. Auch Linje sieht keinen Weg mehr die Situation zu retten, stellt sich neben ihren zwergischen Gefährten und schießt dem Drachen einen Pfeil in das linke Auge.
Ugreine und Argosch folgen Irion und attackieren Avalon. Linje, die sich neben Baldorim gestellt hat, schießt mit ihrem Bogen und trifft Avalon schwer am Kopf. Dieser verliert nun völlig seine Beherrschung und Irion ist glücklich, noch sicher von seinem Kopf auf den Boden gekommen zu sein. Aber für Argosch und Ugreine ist es nun ein leichtes den jungen Drachen zu erschlagen.
Die Freude und Erleichterung, einen Drachen erschlagen zu haben, setzt jedoch bei niemanden so richtig ein. Avalon war ein junger Drache, zu früh geschlüpft und musste nie darum kämpfen der stärkste seiner Brut zu sein
Linje hatte es wohl schon geahnt, was passieren wird und sich trotzdem von Baldorim überzeugen lassen. Irion fühlt sich schuldig, letztendlich den jungen Drachen in eine Falle gelockt zu haben. Und selbst bei Baldorim will sich nicht das hohe Gefühl durchsetzen, einen Drachen erschlagen zu haben, nicht unter diesen Umständen und der vielleicht doch gar nicht so böse war, wie in den Geschichten, die er in seinen beinahe drei Jahrhunderten Lebenszeit gehört hatte. Als Baldorim dem toten Drachen den Schädel spaltet und nach dem Karfunkel greift, hört er Avalons Stimme in seinem Kopf: “MÖRDER”.
Linje durchsucht mit Irion noch den Turm nach nützlichen Sachen und Argosch und Baldorim sammeln vom toten Drachen noch Gegenstände von Wert ein, bevor die Gefährten von den Elementaren wieder zurückgebracht werden.
Auf der Burg zurück, werden sie von Dschelef empfangen, der unruhig auf und ab geht.
“Es gibt ein Problem mit dem Ort hier. Oder weniger ein Problem, als das ich glaube, dass das Kloster ein besserer Ort für das Ritual ist. Ich weiß nicht, ob Ihr das Konzept kennt, aber ich entwickle es gerade erst … Es gibt dort Kraftlinien, die sich kreuzen. Diese würden das Ritual stärken. Wir können es hier versuchen, aber ich vermute, in dem Kloster kreuzen sich 3 Kraftlinien.“
Da das Kloster unter der Herrschaft des Barons steht, können sie ihm die Bitte ja kaum ausschlagen…
Unstimmigkeiten in Menzheim VI
14.1 – Rückkehr
Kein Wort wechselt die Gesellschaft während des ganzen Rückfluges mit den Windelementaren. Auch nach der Rückkehr, während alle im Speisesaal sitzen, unter dem großen Porträt von Kaiser Menzel, teils mit einem guten Kelch Wein in der Hand. Nur Dschelef ist hin und wieder zu hören wie er leise murmelnd und fluchend im Buch der Abschwörungen liest.
Nach einiger Zeit kommt der Baron humpelnd in den Saal. Er hatte noch mit seiner Tochter geredet, die wieder gefesselt in ihrem Zimmer ist.
“Ich muss euch danken, dass ihr meine Tochter wieder sicher zurückgebracht habt, aber was ist mit dem Ritual – habt Ihr nicht alles, was ihr braucht?”
Dschelef antwortet: “Nein, nein. Wir haben alles, was ich für das Ritual brauche, aber ich glaube, dass das Ritual bessere Chancen hat, wenn wir es im Kloster abhalten. Dort wirken die magischen Kräfte viel stärker als hier.”
Der Baron hält kurz nachdenklich inne. “Ich will nicht darüber urteilen, was Ihr in den anderen Baronien gemacht habt, aber ich bitte Euch hier um Zurückhaltung. Ich weiß, was Ihr über die Bewohner des Klosters gesagt habt und wie Ihr zu ihnen steht, aber sie haben mir nur helfen wollen mit Ugreine. Ich respektiere die Äbtissin Schlangenblick sehr und sie haben nichts Falsches gemacht. Wir werden morgen mit ein paar bewaffneten zum Kloster gehen und sie vor die Wahl stellen. Sie können uns einlassen und ihr dürft alles bis auf den Tempel durchsuchen oder wir drohen mit dem Praiosgeweihten aus Balhio wiederzukommen.” Dabei ist dem Baron anzusehen, dass er dies überhaupt nicht will. Irion stimmt ihm zu, denn der Versuch Ugreine zu fangen um sie zu heilen ist nichts was ihnen vorgeworfen werden kann.
So begeben sich alle zur Nachtruhe, außer Dschelef, der noch etwas das Ritual vorbereiten muss, und Baldorim, der die Nacht durcharbeitet mithilfe einer Rauschgurke.
14.2 – Ein seltsamer Ort
Am nächsten Morgen beginnt die kurze Reise zum Kloster. Die Zwerge sitzen mit der gefesselten Ugreine und Dschelef in der Kutsche, begleitet vom Baron, Linje und Irion zu Pferd.
Nach kaum einer Stunde erreichen sie den Fuß des Berges, an dessen Hängen das Kloster gebaut wurde. Es sieht aus wie ein Bienenstock, der an der Felswand hängt. Um das Kloster so an die Wand zu hängen, wurde der Felsen geformt und weggeschabt – und das mit großer Kunstfertigkeit. Baldorim, der am Kloster die Spuren zwergischer Baukunst erkennt, erklärt seinem Lehrling mit Begeisterung die Feinheiten des Baus. Dabei fällt ihm auch auf, dass das Kloster wohl erst nachträglich ausgebaut wurde. Etwas anderes muss vorher hier gestanden haben. Was vorher hier schon stand, muss sehr gut gebaut gewesen sein, und dann wurde noch einmal besser darüber gebaut.
Die letzten hundert Schritt auf dem Weg zum Klostereingang müssen zu Fuß zurückgelegt werden, denn der Weg wird immer schmaler. Das Licht des Herrn Praios tut Ugreine nicht wirklich weh, aber sie kann ihn trotzdem nur schwer ertragen und so begleitet sie die Gruppe mit der Kapuze tief ins Gesicht gezogen.
Der Eingang des Klosters ist offen und unbewacht. Im Hof verrichten vier Knechte die alltäglichen Arbeiten und die Gesellschaft wird von der Gauklerin Irinia begrüßt, die zuerst Irion erkennt, dann aber auch den Baron gebührlich grüßt.
Der Baron verlangt mit Frau Schlangenblick zu sprechen und Irinia führt uns in einen weiteren Hof vor dem Hauptgebäude. Die Knechte reichen den Reisenden Wasser und Met, dem besonders der Baron und Argosch, der das Wasser erst misstrauisch ablehnte, gut zusprechen.
Auch Linje ist sich erst unsicher. Da aber Irion nicht sofort zu Boden ging, nachdem er getrunken hatte, trank auch sie. Zu dem Zeitpunkt hatte der Baron schon sich einen zweiten Becher Met reichen lassen, da er sich wohl etwas Mut antrinken muss. Nur Baldorim weigert sich etwas von dem Angebotenen zu trinken. Er beschränkt sich lieber auf seinen eigenen Wasserschlauch.
„Warum habt ihr unsere Gäste denn nicht hineingeführt. Lasst sie doch nicht in der Sonne warten!“, ruft eine helle Stimme aus der Pforte zum Wohngebäude. Irscha Schlangenblick, hübsch, Ende 40, angeschminkt, keine Weidnerin, aber nicht ganz südlich, grüßt von der Pforte. Sie ist im vollen Ornat der Draconiter gekleidet, auch wenn Irion erkennt, dass sie sich dieses gerade erst schnell übergeworfen hat.
Der Baron grüßt die Äbtissin zuerst und ein geübtes Auge sieht auch, wie er kurz ihre Hand ergreifen will, sich dann aber wieder zurückzieht. Zwischen den beiden besteht wohl mehr als nur eine gute Freundschaft.
Er stellt die Gefährten als Botschafter des Herzogs vor, die ihm geholfen haben, die nötigen Ingredienzien zu sammeln für die Heilung Ugreines und bittet darum das Ritual hier im Kloster durchführen zu dürfen, worauf die Äbtissin erstmal zu Tisch lädt.
Auf dem Weg hinein entdeckt Baldorim als einziger, dass an der Wand nahe dem Haupteingang Grifflöcher eingebaut sind. Diese sind in der zwergischen Architektur dafür gedacht, erbaute Objekte einstürzen zu lassen, wie zum Beispiel im Falle einer Belagerung, aber diese Grifflöcher sind viel zu groß für Zwergenhände.
Baldorim macht auf Rogolan auch Argosch darauf aufmerksam und auch Linje bekommt es mit. Er vermutet, dass man damit das ganze Kloster den Berg hinab stürzen lassen kann.
Plötzlich werden sie von der Seite her angesprochen.
Lamurdan, Sohn des Lamurian, ca. 200 Jahre alt, gekleidet in typischer Handwerkerkleidung und mit einer Borbaradglyphe um den Hals, beglückwünscht Baldorim für sein gutes Auge.
Er ist ein Brilliantzwerg aus Schatodor und hat schon von Baldorim gehört. Bei der Ogerschlacht war bei den Sappeuren, denn ihm liegt das Handwerk mehr als die Axt oder der Hammer. Er erzählt, dass das Kloster weder von Menschen noch Zwergen erbaut wurde, sondern vermutlich von den Trollen vor sehr langer Zeit.
Zu Tisch stürzt der Baron weiter Met in sich hinein. Dschelef sitz neben Ugreine und flüstert beruhigend auf sie ein indem er mit seinen Leistungen und Errungenschaften angibt. Die Hesindegeweihte entschuldigt, dass Vestor sich gerade nicht uns anschließen kann, denn er führt gerade eine Initiation mit einem der Zöglinge durch.
“Dann ist es ja gut, dass wir unseren eigenen Meister der Magie mitgebracht haben”, sagt Irion, worauf die Äbtissin überrascht reagiert.
Auf Baldorims Frage, ob dies nicht ein seltsames Datum für eine Initiation ist, streut Linje erstmal etwas Salz hinter sich und isst eine Knoblauchzehe. Die Äbtissin beruhigt aber, denn man darf den Entitäten, die an diesen Tagen herum gehen, nur keinen Platz bieten.
Irinia sagt stolz, dass es Jago ist, der gerade initiiert wird, und sie selber danach dran ist.
Auf Irions Frage, ob sie denn danach Geweihte sind, erklärt Irscha, dass dies ein Gebetskloster ist, und die Initiierten kommen in den nächsten Kreis der Erkenntnis. Sie haben die Möglichkeit in die tieferen Bereiche von Gnaph’Caor vorzudringen.
Bei der Erwähnung dieses unheilvoll klingenden Namens fängt Irion schon an sich schlimmes vorzustellen, aber auch Dschelef, der wohl doch heimlich den Gesprächen folgte wird kreidebleich und flüster Ugreine nur noch die selben zwei drei Sachen ins Ohr.
Dabei macht er auch ein paar Handzeichen. Irion, der dies als Atak erkennt, sieht die Hand des Magiers immer wieder die Wörter: “viele Bücher”, “Herz”, “verboten”, “Wissen” und “uiuiui” formt.
“Was bitte, sagtet ihr? Gnaf … was?” Die Hexe wendet sich der Äbtissin zu.
“Ein Ort des Wissens”, antwortet Schlangenblick und lächelt. “Ein heiliger Ort, uns durch Hesinde selbst geschenkt.”
Bei den Worten der Äbtissin greift Irinia ganz begeistert nach Irions Hand, und es bedarf einer großen Anstrengung, nicht zurückzuschrecken.
“Wissen von der Schlangengleichen selbst sagt Ihr … also, so etwas wie eine Bibliothek?”
Linje beugt sich interessiert der Priesterin entgegen und ihre Gefährten sehen schnell den Ausdruck in ihrem Gesicht, den sie nur zu gut kennen. Schlangenblick lädt sie ein, nach dem Ritual doch mal ein Gespräch mit Vestor zu führen. Linje, vollkommen gefangen von der Idee, neue Geheimnisse Weidens zu ergründen, versteht Irions Versuch einer heimlichen Warnung nicht. Was kann an Hesinde gegebenen Wissen so falsch sein?
Um die seltsame Situation zu durchbrechen und das Mädchen wieder zurück auf den rechten Gedankenweg zu holen, fragt Argosch auf einmal mitten in das Gespräch hinein, wann denn das Ritual durchgeführt werden könnte und Dschelef gleich hinterher, wo denn die Linien der Kraft sich hier kreuzen. Diese Frage überrascht die Äbtissin wirklich, da sie dies für ein Geheimnis hält. “Woher wisst ihr das?” Dschelef winkt ihre Frage wie eine lästige Fliege weg.
Da steht der bis jetzt still gebliebene Baron auf und protestiert. Er lallt schon recht heftig, er muss in der kurzen Zeit viel von dem Met getrunken haben. Er will sofort das Ritual durchführen, die Initiation muss warten. Das die Äbtissin sagt, es sei nicht möglich, nimmt der Baron nicht gut auf. Er wird immer lauter und wie schon als Linje ihn herausforderte, tritt wieder eine Zornesader auf seine Stirn. Nur ist es diesmal eben jene, die sich an seine Seite stellt, eine Hand auf seinen Arm legt und mit Hilfe von beruhigenden Worten und ein wenig Magie den Herrscher von Menzheim beruhigt. Dschelef erklärt darauf hin, dass die Knoten der Linien ja glücklicherweise nicht nur in einer Dimension funktionieren und durch verschiedene Orte laufen. Ein anderer Raum, der über dem Initiationsraum läge, funktioniere genauso. Erst danach entspannt sich die vor Schreck versteinerte Mine der Äbtissin und sie bietet das oberste Turmzimmer für das Ritual an.
14.3 – Närrische Hexe
Die groben Steine, die den Turm und die Treppen ausmachen, liegen düster im Fackelschein, als sich die Gruppe auf den Weg den Turm hinauf macht. Die Schwüle lässt jeden Schritt hinauf schwer erscheinen. Schweiß rinnt dem einen oder anderen schwer den Nacken in die Rüstung hinunter und eine neblige Benommenheit breitet sich wie eine Wolke im Kopf aus. Mehr als einmal sehnen sich die Helden nach Schlaf und Ruhe – nur das Wissen darum, dass sie eine Seele retten werden, lässt sie die Versuchungen des zweiten namenlosen Tages bestehen.
Erst meint Linje, sie bildet sich das tiefe Summen nur ein, das sich hinter ihnen die Treppe hinauf schleicht. Doch lauter und immer lauter wird es, bis sie es nicht mehr ignorieren kann. Etwas in ihm weckt ihre Lebensgeister, hält sie und lenkt ihre Bewegungen abwärts, so dass sie sich heimlich wieder auf den Weg zurück macht. Zum Raum der Initiation – gefolgt von einem Flüche murmelnden Baldorim, der ihr Verschwinden als einziger bemerkt.
Irion und Argosch jedoch folgen Dschelef, Schlangenblick und dem Baron hinauf, um das Ritual zur Rettung Ugreines zu vollziehen. Das Turmzimmer ist kreisrund mit einem Tisch in der Mitte, der wie geschaffen ist, um darauf eine Person zu fesseln und ein Ritual durchzuführen.
Während Dschelef beginnt, das Ritual vorzubereiten, fragt er Argosch: “Sagt, Freund, seid Ihr furchtlos?” Etwas irritiert ob der plötzlichen Frage blinzelt der Zwerg ein, zwei Mal und bejaht dann. “Dann geht und holt mir ein paar der hübschesten Hühner, die Ihr finden könnt. Drei an der Zahl, nein, VIER, schließlich wissen wir, mit wem wir verhandeln – der wird sich nicht mit normalen Hühnern bestechen lassen.” Kurz mustert er den gestandenen Krieger von Kopf bis Fuß und fragt: “Ihr wisst aber, wie Hühner aussehen, oder?” Als Argosch auch hier nickt, schickt ihn der Magier in den Hof, um ihm die vier hübschesten Hühner zu bringen, die er opfern will.
Auch Irion fragt er, ob er mutig ist, denn schließlich muss Dschelef hier mit dem Herrn der Niederhölle verhandeln. Irion will natürlich verneinen, aber die Neugier, einmal so ein Ritual zu sehen, lässt ihn lügen. “Wisst Ihr, ich brauche eure Unterstützung”, sagt der Magier. “Denn Ihr seid Ugreine zumindest …” Er schaut zwischen Irion und der Vampirin kurz hin und her. “ … nun, zumindest wollt Ihr sie nicht töten, sondern ihre Seele retten. Linje, die ihr verbunden zu sein schien, hat sich offensichtlich schon aus dem Staub gemacht, genau so wie der andere Zwerg …” Er schreibt einen Text auf den Irion nicht versteht, den er aber das ganze Ritual immer wieder wiederholen soll. Als er sich allerdings während der Vorbereitung einmal dicht an Irion stellt, flüstert er ihm zu, dass das alles Quatsch ist und er nur aufpassen soll, dass ihm die Äbtissin nicht in den Rücken fällt.
Die närrische Hexe schleicht währenddessen den Treppen folgend hinab bis zu einem kleinen Lagerraum, in dem sie sich kurz orientiert, um dann die weiterführenden Stufen zu finden. Sind diese dort, wo sie auf den Raum treffen, noch wie für humanoide geformt, werden sie sehr schnell unförmiger, größer, wie grob aus dem Stein getrieben und für wesentlich gigantischere Ausmaße gemacht als der Rest des Klosters. Kurz durchquert der Gedanke Linjes Geist, dass wer auch immer dieses Gebäude ursprünglich erbaut hat, mindestens Ogergroß gewesen sein muss. Irgendwo findet sie bestimmt noch Aufzeichnungen darüber …
“LINJE!” Die Stimme des Zwergs rollt die letzten Stufen zu seinen Füßen hinunter, gräbt sich unter dem lauter werdenden Summen der Initiation hindurch und schwappt um Linjes Schuhe, die kurz in der Bewegung innehält und die Augen erwischt zusammenkneift. Wie gut jetzt ein Unsichtbarkeitszauber wär. Das Quietschen und Scheppern seiner Plattenrüstung lässt jeden Muskel in Linjes Körper verkrampfen.
“Kannst du nicht wenigstens leise sein?”, zischt sie ihn an, als er fast bei ihr ist.
“Linje, wir haben anderes zu tun, komm!” Seine Stimme ist streng, fast gebieterisch. Ihr Blick geht die Treppe hinunter, wieder zurück zu Baldorim. Im Kopf die Worte der Äbtissin. Wissen von Hesinde gegeben. Ihre Miene verfinstert sich. Entschlossen dreht sie sich um, um weiter in die Dunkelheit zu gehen – der alte Bolzendreher verdreht die Augen und scheppert ihr hinterher. Das Summen wird dabei immer lauter, während sich die Hexe und der Zwerg dabei so leise wie möglich streiten, dass es sinniger wäre, umzukehren. Ihre Beteuerungen, dass sie “nur kurz gucken” will, stoßen dabei genauso auf taube Ohren wie seine Versuche, sie zum Umkehren zu bewegen – bis sie am Fuße der Treppe um eine letzte Biegung gehen, die den Blick auf eine Tür aus Stein freigibt.
Sie können unter dem Crescendo der Gesänge nun die tiefe Stimme Vestors erkennen, welche ruft: „Herr des Wissens, wir haben hier jemanden, der sich initiieren will!“
Das Gackern der Hühner in seinen Händen wird parallel zu den Abwehrbewegungen des Federviehs immer stärker. Grumpig schaut Argosch eines nach dem anderen an und zieht die dicken Augenbrauen, die wie Raupen über seinen Augen sitzen, zusammen, als er gerade wieder zum Treppenhaus hinein kommt. Noch im Gedanken daran, was sie sich hier wohl eingebrockt haben, sieht er einen Zwergenfuß in weichen Lederschuhen um die Ecke verschwinden. Und den Rest einer großen, zur Kampf bereiten Armbrust. Seinem unguten Gefühl trauend, entscheidet er sich zu folgen.
Licht flieht schlagartig durch die Ritzen rund um die Tür in den dunklen Gang hinein, in dem Baldorim und Linje vor Erschrecken beide vergessen zu streiten. Nach dieser Schrecksekunde klingt Baldorims Stimme fast sanft, als er sagt: “Linje, bitte, wir sollten jetzt gehen.” Doch er sieht, wie das Licht nicht nur dort scheint, wo es ganz natürlich dem Raum entkommen kann, sondern dass es durch die Poren des Steins zu sickern scheint. Fast magisch davon angezogen geht Linje noch einen Schritt darauf zu, fixiert die Tür mit ihrem Blick – und für Baldorim völlig überraschend taumelt sie mit einem Mal schreiend zurück, ihm entgegen. Sie presst beide Hände auf ihre Augen. Er will sie noch auffangen und ihr den Mund zuhalten, als …
“Ihr hättet nicht hier herunter kommen sollen”. Lamurdans Kälte kriecht in Baldorims Nacken, während der feindliche Zwerg seine meisterliche Armbrust auf Baldorims Kopf zielt. Ihm ist klar: aus dieser Distanz hat er keine Chance, auszuweichen oder sich zu verteidigen.
Glücklicherweise hat Argosch zur rechten Zeit zu Lamurdan aufgeholt und kann verhindern, dass dieser Baldorim erschießt. Er springt ihn von hinten an, und die beiden rangeln auf der Treppe um die Oberhand. Baldorim nutzt die Gelegenheit, um seine eigene Armbrust zu ziehen, und sieht auch, wie Lamurdan ein Dorn aus dem Handgelenk wächst, der sehr gefährlich aussieht. Jedoch hat er Hemmungen einen anderen Zwerg zu töten und schießt daher nur ins Bein.
Im Turmzimmer hört Irion die durch den Kampf verursachten Schreie. Der Baron scheint weggenickt zu sein, vom vielen Met und Dschelef ist völlig auf sein Ritual konzentriert. Auch die Äbtissin hört die Schreie von unten und ihr vormals freundliches Gesicht wird hart.
“Eure Gefährten waren zu neugierig. Das werden sie bereuen.”
Sie weist Irinia an aufzupassen: Falls Irion verschwinden wolle, solle die Gauklerin ihn notfalls töten. Dann verschwindet sie nach unten.
Irion schaut Irinia traurig an. “Wir müssen nicht kämpfen, wenn du dich ergibst.”
“Wir müssen nicht kämpfen, wenn du einfach tust, was sie sagt!”
“Du weißt, dass ich das nicht kann.” Irion geht langsam auf sie zu, hat noch die Hoffnung, sie zum Umdenken zu bewegen – aber sie zieht ihre Dolche und ein kurzer Kampf bricht aus. Nach einem harten Schlag gegen den Kopf bricht sie bewusstlos zusammen und Irion folgt der Äbtissin.
14.4 – “I think we can put our differences behind us. For science. You monster.”
Linje hat sich langsam von dem initialen Schock erholt. Sie weiß, dass sie nur dank der steinernen Tür noch etwas sieht, denn das eigentlich Mächtige befindet sich im Raum und scheint nur durch die Tür.
Was sie noch erkennen konnte, war ein Magier und zwischen Tor und Magier ein Mensch, der kniet, beide Hände um ein kristallines Herz gelegt. Außerdem spürt sie mehr, als dass sie sie sieht, eine körperlose Entität im Raum, die der Hexe aber seltsam bekannt vorkommt. In dem Tor hinter dem Knienden spürt sie alles Wissen, was sie jemals wollte – und noch viel mehr. Nur einmal müsste sie hineingreifen und all ihre Fragen wären beantwortet. Durch den Odem und ihre Neugier gelenkt tastet sie sich hinunter, bis ihre Finger die Tür berühren. Von dem Kampf, der hinter ihr tobt, bekommt sie fast nichts mit. Da ertönt ein lautes Reißen und das Summen verstummt. Eine mächtige, zornige Stimme ertönt im Raum und überall um sie herum. Der Zorn ist geradezu spürbar.
„Sowas bietest du mir an, sowas schwaches, wo sich doch schon in zehn Schritt Entfernung so viel mehr Potential befindet!” Baldorim tritt ein letztes Mal an Linje heran, um sie von dort wegzuholen, als Vestor wimmernd antwortet: „Wo, Herr?” Stille. Dann: “Was immer Ihr wünscht.“ Leise sind Schritte Richtung der steinernen Tür zu hören.
Argosch, der gerade erst geschafft hat, Lamurdan unter sich zu binden, spürt plötzlich, wie der Boden unter seinen Füßen sich verflüssigt und bevor er reagieren kann, ragt kaum mehr als sein Kopf noch aus dem Boden heraus. Lamurdan ist komplett im Boden versunken.
Die Stimme der Äbtissin erfüllt den kleinen Vorraum: “Das Wissen hier ist nur für die Initiierten.”
Baldorim, der wie Linje bis dahin nur auf die Tür und die entgegenkommenden Schritte konzentriert war, dreht sich um, sieht aber nur das Ende eines Kampfstabes hinter der Wendung der Treppe hervorschauen der den eingesunkenen Argosch auf den Kopf schlägt.
Er zielt kurz, schießt und der Kampfstab fliegt der Äbtissin aus der Hand, die fluchend aufschreit.
Linje hat derweil eine Ahnung, wen sie dort hinter der Tür gehört hat. Sie bekommt Angst und lässt sich in ihre Gefühle fallen. Die Tür schwingt auf und der eigentlich sehr mächtige Vestor steht zitternd im Durchgang. Linje nutzt den Moment und verpasst ihm eine schallende Ohrfeige. Durch ihre Angst hat sich ihr Schweiß in pures Gift verwandelt. Er schreit getroffen auf, fällt nach hinten und übergibt sich immer wieder, während er sich unter heftigen Krämpfen über den Boden rollt.
Blut ist im ganzen Raum verteilt. Von der knienden Person ist nichts mehr zu sehen, doch der Ort, an dem sie war, scheint der Ursprung der roten Flüssigkeit zu sein, die nun von der Decke tropft und die Wände hinunter rinnt. In der Mitte des Raumes ist ein Vielstern aus Kristall in den Boden eingelassen. Das Tor leuchtet verheißungsvoll, niemand scheint dort zu sein – zaghaft macht die Hexe einen Schritt vorwärts.
“Ich habe gespürt, dass du es bist.”
Irion ist währenddessen die Treppe hinunter gehechtet. Er ist kurz hinter Schlangenblick, scheut aber für einen Moment davor zurück, eine Geweihte anzugreifen. Soweit er weiß, wäre das ein sicherer Weg in die Niederhöllen! So kostet es ihn einige Anstrengung sich selbst einzureden, dass er nur durch den halbdunklen Gang, stolpert und sie dann rein zufällig die Treppe hinunterfällt. Ein Unfall. Ein ganz unschuldiger Unfall. Zu allem Glück wusste er nichts von dem verflüssigten Boden, sonst hätte er sich wohl nicht getraut.
Als Irscha neben Argosch in den Stein stürzt, klettert dieser ohne zu zögern an der Magierin hoch, zieht sie immer weiter in den Boden und befreit sich dabei selbst aus dem Stein. Keinen Moment zu früh – einen Wimpernschlag später verfestigt sich der Stein schlagartig wieder. Mit einem Knirschen und Knacken von Irscha und Lamurdans Knochen verenden die Beiden im Stein.
Linje, noch immer tief in ihren Gefühlen versunken, hat währenddessen wie in Trance den Raum betreten, angezogen von dem leuchtenden Tor, das alles Wissen verspricht und der Entität, die sie anlockt.
“Komm, du bist fähig, mich zu tragen, meinen Geist aufzunehmen …”
Baldorim betritt den Raum ebenfalls – eigentlich in der Absicht Linje wieder rauszuholen als auch er die Stimme Borbarads vernimmt: “Da ist der Mörder”, und auch er wandelt plötzlich wie im Trance zur Raummitte.
“Ich bin zu viel für einen, aber ihr beide seid mehr als genug. Kommt, schließt euch uns an, gemeinsam werden wir Großes erschaffen.”
Linje und Baldorim greifen einander an die Hände und schreiten gemeinsam weiter zum Vielstern, zum Tor, zum nächsten Kreis des Wissens.
Irion ist derweil weiter die Treppe runter gerannt, zögert aber im Türrahmen. Die unnatürlichen Bewegungen von Balrodim und Linje, sowie die ganzen bösartig aussehenden Gegenstände im Raum, veranlassen ihn sich das Praiosamulett und die Greifenfeder fest mit den Fingern zu umschließen, bevor er ihnen folgt.
Als er sie aktiviert flutet ein pulsierendes, goldenes Licht durch den Raum.
Ein Schrei der Enttäuschung ist zu hören und auch das leuchtende Tor verschwindet. Linje springt nach vorne, in einem letzten verzweifelten Versuch das Tor zu erreichen, aber es ist zu spät. Sie schlittert ein paar Finger weit über den Boden, auch ihr frustrierter Schrei verklingt ungehört. So liegt sie im Blut, als Irion zu ihr läuft: “Linje! Was ist mit dir? Ist alles in Ordnung?” Es dauert einen Augenblick, bis der manische Ausdruck aus ihrem Gesicht verschwindet und sie sich gemeinsam den Zwergen zuwenden. Baldorim stottert ähnlich verwirrt Antworten auf Argoschs Fragen, der ihn verständnisvoll, langsam die Treppe hinauf lenkt, bis er wieder klarer denkt.
14.5 – Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Schnell eilen die Gefährten wieder die Treppe hinauf, um zu sehen, wie das Ritual vorangeht.
Schon aus der Ferne ist Dschelefs fluchen und schreien zu hören. Kaum treten sie durch die Tür, sehen sie, wie Dschelef gegen eine Wand geschleudert wird. Die Baroness liegt auf dem Tisch, Teriak über sie verschmiert. Der Baron steht in einer Ecke, schüttelt mit den Fäusten und ruft die Götter an, die ihn aber in dieser Stunde in diesen Tagen nicht zu erhören scheinen. Ein lauter Knacks ist zu hören und Dschelfs Arm verdreht sich merkwürdig. Er schreit auf, doch sein irrer Blick richtet sich auf den Gaukler.
“Irion, erinnerst du dich, was ich dir gesagt habe?”, ruft er.
Ängstlich ob der Vorkommnisse hier, tritt Irion trotzdem etwas nach vorne und spricht den Text in Dschelefs Stimme, immer und immer wieder. Er fühlt plötzlich, wie sein Schatten stirbt und seine Seele zu verschwinden droht. Sein kleiner Finger verkümmert und auf den Augen wird er blind. Schrittweise droht sein Name in Vergessenheit zu versinken.
Linje sieht nur, wie Irion zwar die Worte spricht, aber sein ganzer Körper zittert. Sie stellt sich hinter ihn, wispert ihm ins Ohr, wie wertvoll und stark er ist, dass er sie und alle anderen um sie herum schon mindestens hundert Mal gerettet hat. Dass er auch diese Hürde schaffen wird, dass er stärker ist als alles, was der Höllenfürst ihm entgegen wirft und dass Argosch, Baldorim und Linje an ihn glauben: “.. und dein Name ist IRION!”.. Eine warme Welle der Zuversicht breitet sich tief in seiner Seele aus, worauf sich seine Stimme beruhigt und sein Zittern schwindet. Mit starker Bühnenstimme spricht er die Worte.
Dschelef, dessen alle Finger und Zehen gebrochen sind, kriecht auf die Zwerge hinzu und fragt, ob sie lesen können, und deutet auf das Buch der Abschwörung. Und auch wenn sie nicht verstehen, was dort steht, folgen sie Irions Stimme, um den Text nachzusprechen. Da hört Irion eine grausame Stimme in seinem Kopf. “Willst Du einen Tausch?”, worauf Irion nur mit einem einfachen ja antworten kann.
Der Tausch findet statt. Teriak, von vielen Menschen gegen diese eine Seele, die sonst dem Namenlosen gehört hätte. Der Körper der Baroness schwebt für einen Moment über dem Tisch und fällt dann herunter, und die bedrohliche Aura verschwindet. Das Gefühl, als haben sie dem Namenlosen eine Seele abgerungen, sinkt nur langsam in das Bewusstsein der Helden.
Linje rennt zur Baroness, um zu sehen, wie es ihr geht. Etwas schwächlich noch, lächelt Ugreine sie an.
„Kannst du mir diesen Tand vom Hals nehmen?“ Die Stellen, an denen das Seil lag, ist noch voller Brandblasen, aber es kommen keine neuen durch die Fesseln mehr hinzu. Als Linje die Fesseln entfernt hat, schaut Ugreine ihr tief in die Augen und küsst sie. “Nun, Rahjaverflucht bin ich auf jeden Fall nicht mehr.“
Als Baldorim Dschelef beim aufrichten helfen will, lächelt der kurz.
“Du bist älter als ich, aber ich fühle mich älter als du.“
„Du siehst auch älter aus“, antwortet Baldorim schmunzelnd.
Sie sorgen dafür, dass alle Wunden so weit verarztet werden, wie sie es zu diesem Zeitpunkt können. Gegenseitig geben sie sich Zuversicht und Halt, als sie dem verfluchten Kloster den Rücken zukehren.
Sie gehen zurück zur Burg des Barons und betrinken sich.